Wenn man mich gefragt hätte, was bitte die Górnośląsko-Zagłębiowska Metropolia, kurz GZM ist, ich hätte keine Ahnung gehabt. Deshalb war ich ersteinmal skeptisch als ich von dem Festival Kierunek GZM eingeladen wurde. Zum einen weil ich wirklich keine Ahnung hatte, was die GZM ist. Und zum anderen, weil ich nicht wusste, was genau ein „Festival für Mikroabenteuer“ bitte sein soll. Doch nach einer kurzen Recherche hat sich herausgestellt, dass die Einladung ein echter Glückstreffer war, denn das Festival Kierunek GZM bietet viele kleine Touren, Wanderungen, Konzerte und Partys in der Metropolregion um Oberschlesien. Wobei das etwas komplizierter ist, wie ich herausgefunden habe. Daher erstmal ein kurzer Ausflug in die jüngste Geschichte, die aber mit der Geschichte Schlesiens und ganz Polens zusammenhängt.
Was ist die GZM?
Die Górnośląsko-Zagłębiowska Metropolia ist die Metropole Oberschlesien und das (Kohle)Becken. Gemeint sind damit 41 Städte und Gemeinden in der Region, die ähnlich wie das Ruhrgebiet direkt aneinandergrenzen. Durch ein Gesetz des polnischen Staates wurde den Metropolregionen ein Zusammenschluss erlaubt, der zwar jeder Stadt einen eigenen Bürgermeister etc erlaubt aber dennoch Dinge wie den öffentlichen Nahverkehr zusammen regelt. Zusätzlich gibt es aber auch noch die Woiwodschaft Schlesien, die ähnlich wie das Bundesland ist und zu der noch weitere Gemeinden gehören, die nicht in der GZM organisiert sind. Ich habe mich dann natürlich gefragt, warum man das ganze nicht einfach sowas wie Metropole Oberschlesien nennt? Nun, der Grund dafür sind wohl die Einwohner von Zagłębie, dem „Becken“ gewesen. Die Region um die Stadt Sosnowiec gehörte historisch zu Kleinpolen, war zum Beispiel anders als Schlesien weder österreichisch noch preußisch, sondern durch die polnischen Teilungen von Russland annektiert worden. Auf beiden Seiten dieser historischen Grenze gibt es deshalb Vorbehalte gegeneinander. Oder wie man ein Kattowitzer sagte: „Sie sind keine Schlesier.“ Dennoch liegt ein Zusammenschluss der Gemeinden nahe, denn die Städte gehen auch dort quasi ineinander über. Zudem verbindet sie auch die Industriegeschichte und die daraus resultierenden Folgen. Daher also GZM.

Kierunek GZM: Was ist das?
Das Kierunek GZM ist ein „Festival für Mikroabenteuer“ in der Metropolregion. Und genau so habe ich es auch erlebt. Ich war bei der fünften Ausgabe Ende Juni 2026 dabei. Was Kierunek GZM von klassischen Stadtführungen unterscheidet, ist genau dieses Format des Mikroabenteuers: kleine, zeitlich begrenzte Erlebnisse, die man in wenigen Stunden durchleben kann. Man stellt sich dafür seinen eigenen „Stundenplan“ selbst zusammen, anstatt sich von einem festen Programm berieseln zu lassen. Insgesamt gab es über 250 Events unter dem Dach des Festivals, in allen 41 Gemeinden der GZM. Die Veranstaltungen lohnen sich dabei sowohl für Gäste, die die Region noch gar nicht besucht haben, wie für solche, die bereits mehrfach hier waren und sich gut auskennen. Das Wechseln zwischen den Events wird auch dadurch erleichtert, dass Teilnehmer während des Wochenendes den Nahverkehr der Metropolregion kostenlos nutzen können. So kann man auch mit der Oberschlesischen Straßenbahn fahren, die eines der größten Netze der Welt hat (eine Führung durch ein Tramdepot gehört übrigens auch zum Programm).
Wichtig: Für viele Events muss man sich vorher anmelden. Manche sind zudem schnell ausgebucht, so dass sich ein Anmeldung in kurzer Zeit nach Freischaltung des Veranstaltungsplans lohnt. Das Festival findet jedes Jahr an einem Wochenende Ende Juni, Anfang Juli statt. Damit wird auch die Schaffung der Metropolregion GZM gefeiert, die am 1. Juli 2017 entstand.

Kierunek GZM: Das habe ich erlebt
Freitagabend: Gespenster unter freiem Himmel
Der Auftakt führte mich direkt in die Ruinen des Victoria-Theaters in Gliwice. Bei „Upiory w Ruinach“ („Geister in den Ruinen“) übernahm Kamil Iwanicki die Führung durch das nächtliche Gelände, während das Trajektoria Theater aus Katowice – eine experimentelle, performative Theatergruppe – zwischen den bröckelnden Mauern für Gänsehautmomente sorgte. Es ist eine seltsame Erfahrung, durch die Überreste des einst prächtigen Vergnügungsortes zu laufen. Bei der Führung konnte man etwas über die Geschichte des Theaters in der früheren deutschen Stadt und die Entwicklung der polnischen Theater in der Region erfahren. Bei einer Inszenierung durch das Trajektoria wurde auch auf die Zerstörung des Theaters nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufmerksam gemacht. Sowjetische Soldaten hatten es einfach so in Brand gesetzt. Genau diese Mischung aus Ort und Inszenierung macht solche Formate so wirkungsvoll – man besichtigt nicht einfach eine Ruine, man erlebt sie.

Kaum hatte ich mich davon erholt, ging es weiter zu „Śląski horror albo gotyk po rudzku“ („Schlesischer Horror oder Gotik auf Ruda-Art“), moderiert von Adam Kowalski, mit Animationen und Performances des Theaters Lufcik na Korbkę. Der Titel verspricht nicht zu viel: Hier traf regionaler Aberglaube auf schwarzen Humor. Die Schaupieler stellten dafür Szenen aus der Geschichte von Ruda Slaska und der Mythologie von Schlesien nach. Mit starker Stimme erklärten sie die Sagen der Region und führten uns durch den Wald, über Felder auf den Friedhof der Stadt. Neben dem gespielten Horror gab es aber auch einen Mücken-Horror. Die Hitze des Tages machte die kleinen Biester besonders hungrig. Das Mückenspray half aber.

Samstag: Von der Kohlegrube in die Retrodisco
Der Samstag barg für mich das absolute Highlight, das ich mir abseits meiner Gruppe selbst organisiert hatte: ein Besuch in der ehemaligen Kohlegrube „Wujek“, die mittlerweile nicht mehr im regulären Betrieb ist. Organisiert wurde die Tour von Journalisten des schlesischen Ablegers der Gazeta Wyborcza. Sie erklärten die Geschichte und führten uns zusammen mit Mitarbeitern durch das Industrieareal. Neben der Führung durch die Kohlegrube gibt es auch noch viele weitere Industriedenkmäler, die extra für Kierunek GZM geöffnet werden und die sonst nur selten oder gar nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind.

Danach folgte ein kompletter Stimmungswechsel: Es folgte eine Führung durch den „Śląski Watykan“ („Schlesischer Vatikan“). Dabei konnten wir uns die Geheimnisse der Christkönigskathedrale in Katowice anschauen und durften auch auf das Dach der Kathedrale und in den Bischofsgarten. Geleitet wurde die Tour von Pfarrer Rafał Skitek. Der Spitzname „schlesisches Vatikan“ ist kein Zufall – die schiere Monumentalität der Kathedrale und ihre Bedeutung für das religiöse Leben der Region rechtfertigen den Vergleich durchaus. Sie ist schließlich auch die größte Kirche Polens. Der Blick vom Dach über die Skyline von Katowice war für mich einer der Höhepunkte des Wochenendes.

Nach einer verdienten Mittagspause im Restaurant Żurownia mit schlesischen Spezialitäten ging es weiter nach Bytom zu „Bytom ceramiczny – tropem tajemnicy“ („Keramisches Bytom – auf den Spuren des Geheimnisses“). Hier führte uns Teresa Ebis durch die Flure und Hinterhöfe der Stadt. Teresa ist ein echter Bytom-Experte und wusste das Herstellungsjahr jeder Fliese auf unserer Tour. Die tollen Details hätten wir bei einem Spaziergang selbst nie gefunden. Sie macht übrigens jedes Jahr eine andere Führung für Kierunek GZM. Kann ich nur empfehlen!

Der Abend führte uns nach Tarnowskie Góry zu „Jak to było naprawdę?“ („Wie war es wirklich?“), einem abendlichen, fiktionalisierten Spaziergang mit „Bergknappen“ (Gwarkowie) durch die Geheimnisse der Bergbaustadt. Geführt wurden wir von Sandra Plewnia und Marek Panuś, die sich dabei auch in die Kostüme der zeit zwängten. Tarnowskie Góry gehört mit seinem UNESCO-gelisteten Silberbergwerk ohnehin zu den Pflichtzielen der Region, und ein nächtlicher Spaziergang mit kostümierten Erzählern gab der Bergbaugeschichte noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre. Mein Highlight auf der Führung war der Besuch in der evangelischen Kirche am Ring.

Den Abschluss des Tages bildete ein echter Stimmungsbruch der schönsten Art: Im Museum der Polnischen Volksrepublik (Muzeum PRL-u) in Ruda Śląska stieg eine Retrodisco zwischen Lenin-Büsten und einem alten Feuerwehrauto. Hier sollten wir uns alle so anziehen wie in der PRL. Ich hatte leider nix passendes dabei aber der Abend war trotzdem grandios um alte polnische Hits kennenzulernen (meine Spotify-Playliste ist unter anderem um Lieder von Wanda i Banda gewachsen) und mit meinen polnischen Kollegen zu quatschen. Hier konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass der Kommunismus in Polen doch nicht so schlecht war.

Sonntag: PRL-Spuren und Führung mit dem Woiwoden
Am Sonntag ging es dann auch noch weiter mit Entdeckungen rund um den Kommunismus in Schlesien. Bei der Führung „Obywatelu, poznaj swoje miasto! – Katowice śladami PRL“ („Bürger, lerne deine Stadt kennen! – Katowice auf den Spuren der Volksrepublik“) haben wir dann die Geschichte der PRL in Katowice entdeckt. Geführt wurde es von den drei kostümierten Damen Dorota Janas, Katarzyna Kołodziejczyk und Grażyna Piwowarczyk vom Team der Agentur Silesia Events. Wer die Nachkriegsarchitektur von Katowice bislang nur als grauen Beton wahrgenommen hat, bekam hier die Ideologie, Planung und Alltagsgeschichte hinter Bauten wie der Superjednostka oder dem Spodek erklärt – und sah die Stadt danach mit anderen Augen. Die drei Frauen repräsentierten dabei drei Sachen, die das Leben im Kommunismus in Polen bestimmten: Nomenklatura, Verbindungen und Korruption.
Den letzten Punkt auf den Programm musste ich leider wegen meiner Abreise auslassen. Dabei gewesen wäre ich aber gern, denn der schlesische Woiwode Marek Wójcik traf meine Mitreisenden und führte bei der Führung „Historia i tajemnice monumentalnej perły architektury“ („Geschichte und Geheimnisse einer monumentalen architektonischen Perle“) durch das Gebäude des Schlesischen Woiwodschaftsamts, des früheren Schlesischen Sejms aus der Zwischenkriegszeit. Ein imposantes Gebäude, an dem ich auch selbst mehrfach vorbeiging. Hoffentlich gibt es die Führung auch bei einer späteren Ausgabe von Kierunek GZM. Dann würde ich das sofort nachholen.

Kierunek GZM: Das soll damit in den nächsten Jahren passieren
Ich war, wie erähnt, auf einer Pressereise zum Festival eingeladen. Das Festival gibt es erst seit wenigen Jahren. Bisher richtete es sich vor allem an Leute aus der Region. Mittlerweile will man aber nicht mehr nur Touristen aus Polen sondern zukünftig auch aus dem Westen anziehen. Die Veranstaltungen waren bei unserem Besuch allerdings ausschließlich auf Polnisch. Wir hatten einen tollen Übersetzer dabei. Jedoch gibt es Überlegungen in den kommenden Jahren auch Veranstaltungen in Fremdsprachen anzubieten, um mehr Gäste aus dem Ausland anzuziehen. Es lohnt sich daher, die Website des Festivals zu besuchen und sich dort zu informieren.
Was ich ansonsten empfehlen kann: Nutzt Google Translate oder ein anderes Tool, um die Website direkt zu übersetzen. Sucht euch passende Events aus, bei denen es viel zu sehen gibt und meldet euch auch so an. Auch wenn man so das Erzählte nicht versteht, kommt man so an besondere Orte, die sonst nur selten zugänglich sind. Ich persönlich habe auf dem Gelände des Kohlebergwerks Wujek beispielsweise unfassbar tolle Fotos machen können. Die allein waren den Ausflug schon wert.
Mein persönliches Fazit zum Festival Kierunek GZM
Kierunek GZM ist kein klassisches Kulturfestival. 41 Städte und Gemeinden präsentieren sich hier und mindestens genauso vielfältig sind die Veranstaltungen. Wir haben einen kleinen aber guten Überblick über das Festival bekommen. Die Veranstaltungen, die wir besucht haben, waren sehr unterschiedlich, sowohl was die Themen, wie auch die Organisation und die Darbietung betraf. Auf der Website von Kierunek GZM hatte ich mich zudem informiert, was es noch für Events geben würde und es waren wirklich viele Veranstaltungen dabei, die mich auch noch interessiert hätten. Es lässt sich für fast jeden Geschmack etwas finden: Industriekulturführungen, Theater, Musik, Quests, Radtouren und vieles mehr. Die schiere Bandbreite der Formate war beeindruckend. Wer Oberschlesien jenseits der üblichen Sehenswürdigkeiten kennenlernen möchte, sollte sich das Festival für die nächste Ausgabe im Kalender markieren. Ich jedenfalls hab Lust auf mehr bekommen. Das eben besprochene Sprachenproblem löst sich zukünftig hoffentlich auch.
Hinweis: Ich wurde für das Festival Kierunek GZM von der Górnośląsko-Zagłębiowska Metropolia zu einer dreitägigen Pressereise eingeladen. Das ändert jedoch nichts an meiner Meinung und dieser Artikel entstand unabhängig.
Coverbild: Radoslaw Kazmierczak, alle anderen Bilder sind eigene.