Das kleine Estland fällt in der Berichterstattung öfter als Musterschüler auf. Spitzenergebnisse bei der PISA-Studie zum Lernerfolg von Schülern? Check! Zwei-Prozent-Ziel der NATO bei den Verteidigungsausgaben? Erfüllt. Niedrigste Staatsschuldenquote in der gesamten EU? Auch das. Und bei der Digitalisierung spielt Estland ganz vorn mit, mit digitalen Parlamentswahlen, Personalausweisen und Krankenakten. Es gibt sogar eine digitale Staatsbürgerschaft, die es Ausländern ermöglicht, in Estland Unternehmen zu gründen.
Haben sich die Esten also in eine Gesellschaft von seelenlosen Tech-Fanatikern verwandelt? Mitnichten. Irgendwie schaffen sie es auch, ihr kulturelles Erbe zu pflegen, und zwar mindestens mit demselben Elan, mit dem sie die Modernisierung vorangetrieben haben. Da sind an erster Stelle die berühmten Sängerfeste zu nennen, die alle fünf Jahre auf dem Sängerfestplatz in der Hauptstadt Tallinn stattfinden. Volkslieder und -tänze werden von Chören und Vereinen im ganzen Land gepflegt. Für Musikkenner hat Estland schon lange einen Platz auf der Landkarte, etwa durch den Komponisten Arvo Pärt oder hochkarätige Ensembles wie Vox Clamantis.
Die Kostüme für die Sängerfeste werden in Handarbeit geschneidert und dann stolz präsentiert. Die traditionellen Rauten und Blumenmuster werden von Designerinnen und Designern kreativ verarbeitet und in schicken Boutiquen in Tallinn verkauft. Design ist überhaupt allgegenwärtig: Schon bei der Ankunft am Tallinner Flughafen landet man eher in einer gestylten Wohlfühloase als in einem kühlen Zweckbau, den man von einem Flughafen hätte erwarten können. Manche Viertel in Tallinn, wie das Rotermann-Quartal auf einem alten Industriegelände oder der Port Noblessner rund um eine U-Boot-Werft eines Sprosses der Nobel-Dynastie, sehen aus wie Spielwiesen für Architekturexperimente.
Auf einer Reise nach Estland kannst Du einige solcher Überraschungen erleben. Trotz seiner kleinen Bevölkerung – Estland hat weniger Einwohner als Hamburg – ist es ein dynamisches, kreatives und vielfältiges Land. Wenn Du Dich für Kultur und Geschichte interessierst, gibt es ein echtes Mosaik an historischen Spuren zu entdecken. Skandinavisch sind die schon genannten Chor- und Designtraditionen, ebenso wie viele Banken und andere Großunternehmen. Spannend ist die Geschichte der Küstenschweden, die sich in Westestland und auf den Inseln noch in Form schwedischer Ortsnamen und in Museen entdecken lässt. Deutschbaltisch sind heute wieder die Namen vieler Hotels und Restaurants, aber die Prägung geht viel tiefer. Architektur, Literatur, Kunst – überall ist der jahrhundertelange Einfluss der deutschbaltischen „Barone“ sichtbar. Noch heute kannst Du überall im Land, auf Friedhöfen, in Kirchen, Gutshöfen und Burgen deutsche Namen finden. Die sichtbarsten Spuren der Sowjetzeit sind die riesigen Trabantenstädte rund um die Städte, aber selbst in kleinen Dörfern trifft man häufig auf einen Wohnblock einer nahegelegenen, ehemaligen Kolchose. Ein Erbe der Sowjetzeit ist auch die große russische Minderheit, die etwa in der Grenzstadt Narva rund 90 % der Bevölkerung stellt und deren Integration in den immer noch jungen Staat eine Herausforderung darstellt.
Zwischen all diesen geschichtlichen Spuren wirst Du auf einer Reise durch Estland aber noch etwas anderes finden: Entschleunigung. Die Bevölkerungsdichte beträgt weniger als 1/7 der von Deutschland. Abseits der Städte und der wenigen Hauptstraßen (das Autobahn“netz“ beschränkt sich auf wenige Kilometer rund um Tallinn) wartet einsame und stille Natur. Das große Sumpfgebiet von Soomaa und die Vogelrastplätze im Nationalpark Vilsandi sind Naturschätze von internationalem Rang. Auch das gehört zu einer Reise nach Estland: Dass Du alleine an einem wunderschönen Strand in den Sonnenuntergang schaust und Dich fragst, wieso eigentlich sonst keiner da ist.