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Halle-Neustadt

Halle-Neustadt – Planstadt der Chemiearbeiter

Inhaltsverzeichnis

Halle-Neustadt – das gilt vielen als städtebaulicher Albtraum, als Hartz-IV-Ghetto und Rand nicht nur der Stadt Halle, sondern der Gesellschaft. Heute ist Ha-Neu, wie die Bewohner die Stadt in Anlehnung an die vietnamesische Hauptstadt nennen, ein Schatten ihrer selbst. Denn Halle-Neustadt war einst ein Paradies und als Planstadt für die Chemiearbeiter gebaut worden. Bis zu 110.000 Menschen sollten in der größten Stadtneugründung in Deutschland nach dem Krieg wohnen. Bis 1989 wuchs Halle-Neustadt auf 90.000 Einwohner an. Geblieben sind nur noch 45.000. Doch auch heute noch gibt es viele Bauwerke, die an die einst verheißungsvolle Zukunft dieser sozialistischen Stadt erinnern. Kommt mit auf eine Zeitreise zurück in die DDR.

Halle-Neustadt Rathaus
Ehemaliges Rathaus von Halle-Neustadt

Stadt für die Arbeiter der Kombinate Leuna und Buna

Mit dem Aufbau der Erdölpipeline Druschba (russ: Freundschaft) wurde in der DDR mit dem Aufbau neuer petrochemischer Anlagen begonnen. Die Chemiewerke Buna und Leuna waren auch schon vor und im Zweiten Weltkrieg riesige Industrieanlagen. Mit dem Ausbau in der DDR jedoch wuchsen sie zu massiven Kombinaten heran, die Zehntausende Arbeiter beschäftigten. In Buna waren 18.000 Arbeiter angestellt und in Leuna gar 30.000. Diese Arbeiter brauchten vor allem eines: Wohnraum. Denn die im Krieg stark zerstörten Städte und die Dörfer der Umgebung konnten die vielen Arbeiter nicht aufnehmen. Die Anfahrtszeiten zu den Arbeitsplätzen betrugen bis zu zwei Stunden. Die DDR-Regierung hatte das Ziel, eine Stadt für die Chemiearbeiter zu bauen. Halle-Neustadt war ein wichtiges Objekt in der DDR-Propaganda.

Halle-Neustadt

Baubeginn für Halle-Neustadt

Der Bau von Halle-Neustadt wurde 1958 auf einer Konferenz des ZK der SED beschlossen. 1963 verabschiedete das Politbüro letztendlich den Bau der Chemiearbeiterstadt. Die Stadt sollte nach Fertigstellung bis zu 110.000 Menschen ein Heim bieten. Für den Bau wurde sogar ein eigenes Betonplattenwerk errichtet, welches 1964 den Betrieb aufnahm und 2000 Wohnungen pro Jahr fertigstellen konnte.

Verantwortlich für die Planung war der Architekt Richard Paulick, der vor dem Krieg am Bauhaus tätig war und auch Teile der Stalinallee in Berlin entworfen hatte. Das erste Gebäude der Wohnstadt war jedoch eine Schule, die 1. POS, für die am 15. Juli 1964 der Grundstein gelegt wurde. Am 9. August 1965 zogen die ersten Chemiearbeiter mit ihren Familien in die neuen Genossenschaftswohnungen ein. 1967 bekam Halle-Neustadt bereits das Stadtrecht und wurde unabhängig von Halle (Saale) verwaltet. 1975 lebten bereits 50.000, 1981 dann 90.000 Menschen in der Stadt.

Wohnkomplexe – Alles erreichbar in 6–8 Minuten

Halle-Neustadt wurde bereits während der Planungsphase in Wohnkomplexe aufgeteilt. So entstanden nach und nach immer mehr dieser Siedlungen, die dann die Stadt Halle-Neustadt formen sollten. Entsprechend der sozialistischen Ideologie wohnten hier Kombinatsleiter neben Maurern und Professoren neben Küchenhilfen in nahezu identischen Wohnungen. Laut den Leitlinien für den Bau sozialistischer Städte sollten die Wohnkomplexe jeweils alle wichtigen Bedürfnisse der Bewohner abdecken. Hier stehen die Schulen, Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen, Polikliniken und Gaststätten. Auch Kindergärten gab es in jedem Wohnkomplex, denn die Frauen in der DDR waren fast alle werktätig. Die Zentren der Wohnkomplexe sind jeweils in 6 bis 8 Minuten zu Fuß zu erreichen. Das sollte den sozialistischen Menschen mehr Freizeit verschaffen.

Gastronom Halle-Neustadt Block 10
Blick vom Gastronom rüber zum Block 10

Block 10

Beim Bau der Stadt scheuten die Behörden deshalb auch nicht vor Superlativen. 1967 entstand aus 23.000 Elementen der größte Wohnblock der DDR. 380 Meter ist Block 10 lang. Er fasst 320 Mehrzimmer- und 536 Einzimmerwohnungen – Wohnraum für rund 3.000 Menschen. Drei Durchgänge gibt es. Auf dem Dach befindet sich ein Dachgarten. Eine Kinderkrippe und ein Pflegeheim zogen ebenfalls ein. Auch heute noch ist das Gebäude in Benutzung.

Neustädter Passage – Zentrum der Stadt der Chemiearbeiter

Im Zentrum der neugebauten Stadt wurde ein beeindruckendes städtebauliches Ensemble errichtet. Um die Neustädter Passage wurden mehrere Scheibenhochhäuser hochgezogen, die stark an die Bauten an der Leipziger Straße in Berlin-Mitte erinnern. Die Scheiben sind 18. Stockwerke hoch und wirken auch durch ihre Länge schon beeindruckend. Derzeit herrscht hier jedoch Tristesse. Zwei der Scheiben werden kernsaniert. In eine will die Stadtverwaltung einziehen. Eine andere soll zum Studentenwohnheim werden. Die einzige, die schon saniert war (Scheibe D), beherbergt die Arbeitsagentur. Im 18. Stock befand sich früher ein Café. 2015 wurde es geschlossen. Was mit den anderen Scheiben passieren soll, ist bisher noch unklar.

Bahnhof Halle-Neustadt
Der futuristische unterirdische Bahnhof von Halle-Neustadt

Verkehr in Halle-Neustadt – schnelle Anbindung an die Kombinate

Um die Arbeiter möglichst schnell von ihrem neuen Wohnort zu den Kombinaten zu bringen, wurde eigens eine neue Bahnstrecke errichtet. Unter der Neustädter Passage entstand sogar ein futuristischer unterirdischer Bahnhof. Von hier gelangten die Werktätigen in nur zehn Minuten nach Buna und in zwanzig Minuten nach Leuna. Wie in sozialistischen Städten üblich, wurden große Straßen zwischen den Wohnkomplexen gebaut. Die Planstadt erhielt schnurgerade Straßen. Buslinien mit Ikarus-Bussen ergänzten die S-Bahn-Anbindung, um eine schnelle Fortbewegung durch Halle-Neustadt zu ermöglichen.

Stasi Halle-Neustadt

Stasi und Kontrolle in Halle-Neustadt

In der DNA der Bauten der sozialistischen Städte waren Überwachung und Kontrolle quasi von Beginn an enthalten. In jedem Block gab es einen Abschnittsbevollmächtigten der Partei, der über die Bewohner wachte. Die Stasi hatte die Gesellschaft mit Informellen Mitarbeitern (IM) durchsetzt. Und auch architektonisch waren die Wohnungen leicht zu überwachen: Die Stasi hatte exakte Baupläne und wusste, wo sie Wanzen verlegen konnte. Die Wände waren zudem dünn. Weil Halle-Neustadt aber eine Stadt für den neuen, sozialistischen Menschen war, baute die SED die Stasizentrale auch gleich hier. Der Gebäudekomplex beherbergt heute die Stasiunterlagenbehörde und zeitweise saß hier auch das hiesige Finanzamt.

Kunstwerke in Halle-Neustadt

In Halle-Neustadt wurde versucht, die Kunst in den Städtebau und damit auch in den Alltag der Menschen zu integrieren. Zu den bekanntesten Künstlern, die Werke in Halle-Neustadt schufen, gehörten Willy Sitte und Willi Neubert.

Wandbild Schwimmhalle Halle-Neustadt

Wandbilder und Mosaike

Überall finden sich daher riesige Mosaike oder auch kleine Wandbilder. An vielen Stellen stehen Brunnen, die als Kunstwerke angelegt wurden, und Skulpturen.

Er rührte an den Schlaf der Welt Halle-Neustadt

Er rührte an den Schlaf der Welt oder Lenins Worte werden wahr

Erich Enge erschuf dieses Wandbild 1970. Es entstand zum 100. Geburtstag von Lenin. Das Propagandawerk spielt dabei auf die drei wesentlichen Errungenschaften Lenins in der Sowjetunion an: seinen Einsatz für Bildung, die Elektrifizierung und Industrialisierung der Sowjetunion sowie die Bodenreform, die den vermeintlich reichen Bauern das Land wegnahm.

Die vom Menschen beherrschten Kräfte von Natur und Technik

José Renau schaffte 1974 für den Giebel des Treppenhauses dieses Wandbild mit dem Titel „Die vom Menschen beherrschten Kräfte von Natur und Technik“. In der DDR, wie auch in anderen kommunistischen Ländern, war durch die Eroberung des Kosmos ein regelrechte Fortschrittshysterie ausgebrochen. Die Propaganda und auch die staatlich beauftragte Kunst feierten die Errungenschaften der sozialistischen Gesellschaften und feierten deren Helden. Im Bild sind viele dieser Objekte abgebildet: Kampf der Arbeiterklasse, Hochhäuser, Kombinate, Raketen und natürlich der Sowjetstern.

Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR

Gleich daneben schuf Renau das Werk Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR, das am Giebel eines zweiten Treppenhauses angebracht wurde. Eigentlich wollte er sich im Gegensatz zur Technik mit der Natur beschäftigen. Die Partei wollte jedoch ein Werk über die Einheit der Arbeiterklasse und die Gründung der DDR haben. Die dargestellten Symbole der Getreideähre, des Mikroskops und der Orgelpfeifen stellen in den Mittelpunkt, worauf man im Sozialismus achtete: Landwirtschaft und Bodenreform, Wissenschaft und Technik, Kunst und Kultur.

Brunnen und Skulpturen

Neben diesen riesigen Monumentalwerken vergab die SED aber auch vielfach Aufträge für kleinere Kunstwerke an lokale Künstler. So finden sich im gesamten Gebiet von Halle-Neustadt Skulpturen und Brunnen, die von diesen gestaltet wurden. Viele von ihnen zeigen Motive, die die sozialistischen Menschen erziehen wollten. Andere waren ganz profan gestaltet oder zeigten eher philosophische Anspielungen. Schaut euch gerne die Bilder in der Galerie für einen besseren Einblick an.

Halle-Neustadt nach dem Ende der DDR

Die einst stolze sozialistische Stadt hat sich seit 1990 stark verändert. Bereits im Jahr der Wiedervereinigung wurde in einem Volksentscheid festgelegt, Halle-Neustadt an Halle anzugliedern. Seit Mai 1990 ist Halle-Neustadt nicht mehr selbstständig. Durch die Schließung großer Teile der Kombinate und Massenentlassungen zogen viele Bewohner aus der Stadt. Von einst mehr als 90.000 Einwohnern leben heute noch rund 45.000 in Ha-Neu. Viele der prägenden Gebäude, wie das Kino Prisma, wurden abgerissen. Zahlreiche Wohngebäude wurden rückgebaut oder verkleinert. Die einstige Stadt der Chemiearbeiter gilt in Teilen als sozialer Brennpunkt. Immerhin gibt es aber sanierte Schulen und seit Langem fährt auch die Hallesche Straßenbahn bis nach Neustadt. Und auch die so prägende Neustädter Passage mit ihren Scheiben wir gerade saniert.

Buchtipps

Ihr wollt mehr über Halle-Neustadt erfahren? Dann könnt ihr über diese Links ganz einfach noch mehr Lesestoff über die Stadt besorgen.

Fundierte Darstellung über die sozialistischen Baukonzepte, die hinter Halle-Neustadt stehen.

Standardwerk zum Thema baubezogene Kunst, das Halle-Neustadt und seine Kunstwerke ausführlich beschreibt.

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Peter Althaus ist Journalist, Autor und Blogger. 2011 hat er das Reiseblog Rooksack gegründet. Doch seine eigentliche Liebe ist immer schon Osteuropa gewesen. Mittlerweile lebt er in Lwiw in der Ukraine und führt dort einen Reiseveranstalter. Da er aber weiter gern schreibt, gibt es heute Wild East – das Osteuropa-Reiseblog.

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