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Reszel (Rößel) – ein verstecktes Kleinod im tiefsten Ermland

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Um mit dem Auto nach Reszel, das ehemalige deutsche Rößel, zu fahren, braucht man viel Zeit und gute Reifen. Das abgelegene Städtchen will sich zunächst nicht so recht zeigen. Ist man aber erstmal angekommen, kann man hier aber eine traumhaft schöne Altstadt erleben, deren Highlight ein altes Schloss ist. Hier, wo die Grenze zwischen dem Ermland und Masuren verläuft, scheint die Zeit noch immer stehengeblieben zu sein. Auch die Lage an dem kleinen Fluss Zaine (Sajna) und die die Stadt umgebenden dunklen Wälder sorgen für ein wundervolles Flair. Höchste Zeit also, euch eine der schönsten Sehenswürdigkeiten von Masuren einmal genauer vorzustellen.

Geschichte von Reszel

Noch im Mittelalter war die Gegend um Reszel wie die gesamte Region von den Pruzzen, einer heidnischen Volksgruppe, besiedelt. Der Deutsche Orden, der ins Land gerufen wurde, um es zu christianisieren, errichtete daraufhin hier einen Außenposten. Nachdem dieser mehrmals angegriffen wurde, begann man mit dem Bau einer steinernen Burg und es siedelten sich immer mehr Menschen hier an. Die Stadt wuchs trotz politisch unruhiger Zeiten immer weiter. Als es zur Ersten Polnischen Teilung kam und die Region an Preußen fiel, hatte Reszel über 3000 Einwohner. Somit war es nach Braunsberg und Heilsberg die drittgrößte Stadt im einst eigenständigen Staat Ermland und fast doppelt so groß wie die heutige Hauptstadt Olsztyn!

Verheerender Brand und Auferstehung

Hart getroffen wurde Reszel 1806, als eine Feuersbrunst den Ort fast völlig zerstörte. Das bot aber auch die Chance auf den Wiederaufbau und der preußische König Friedrich Wilhelm III. beauftragte keinen geringeren als den berühmten Baumeister Karl Friedrich Schinkel mit dem Bau einer neuen Burgkapelle.

Das 20. Jahrhundert

Im Ersten Weltkrieg war Ostpreußen und damit auch die Region von Reszel das einzige Gebiet des Deutschen Reichs, auf dem sich Kriegshandlungen abspielten. Als es zur Schlacht bei den Masurischen Seen kam, hatten Hindenburg und Ludendorff ihr Quartier in Reszel und koordinierten von hier einige Zeit lang erfolgreich das militärische Vorgehen gegen Russland.

Die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs hatten für das Ermland und Masuren verheerende Folgen. Reszel scheint den Krieg aber fast unbeschadet überstanden zu haben. Das hängt sicher auch mit dessen Lage abseits der wichtigsten Verkehrsrouten zusammen. Nach dem Krieg wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben, sofern sie nicht ohnehin schon geflohen war. Es kamen polnische Siedler und die Stadt wuchs in den folgenden Jahren wieder. Heute wirkt Reszel aber ziemlich verschlafen, auch weil es an Perspektiven für junge Leute und Arbeitsplätzen fehlt und viele eher in das Regionalzentrum Olsztyn ziehen.

Spaziergang durch die Stadt

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Gotische Brücke

Der Zugang zur Stadt erfolgt meist über dessen östliche Seite, wo eine gotische Ziegelbrücke, die in Teilen noch aus dem 14. Jahrhundert stammt, den Fluss überquert. Unterhalb der Brücke befindet sich ein kleiner Park, von dem aus ihr das massive Bauwerk am besten im Blick habt.

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Bischofsburg

Bereits im 13. Jh. stand in Reszel eine Burg, die aber zweimal von pruzzischen Reitern zerstört worden war. Im 14. Jahrhundert wurde daher unter Bischof Johann von Meißen eine Burg errichtet, die bis zur Ersten Polnischen Teilung (1772) von einem Burggrafen verwaltet wurde. Später diente die Burg vor allem als Gefängnis.

Beste Sicht auf die Stadt

Das sehenswerte Schloss zählt zu den architektonischen Perlen des Ermlands. Schon beim Betreten des lauschigen Innenhofs der Anlage fühlt man sich ins Mittelalter zurückversetzt. Ihr passiert zunächst das hohe Tor, das ähnlich wie der Bergfried über ein rotes Ziegeldach verfügt. Der Bergfried daneben hat einen rechteckigen Grundriss und ist oben rund – ein typisches Merkmal ermländischer Burgen jener Zeit. Der obere Teil wurde erst im 16. Jahrhundert errichtet, um die Burg mit Schusswaffen verteidigen zu können. Vom Bergfried habt ihr die schönste Sicht auf die Pfarrkirche, wie das Bild unten zeigt.

Museum mit dunkler Geschichte

In dem Turm ist auch eine Ausstellung untergebracht, die auf Deutsch (und auf sehr drastische Weise) anhand zahlreicher „Instrumente“ über die Geschichte der Folter informiert. Grund hierfür ist, dass in Reszel im Jahr 1811 Barbara Zdunk, die letzte „Hexe“ Europas, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Zuvor hatte man sie vier Jahre hier gefangen gehalten und gefoltert. Grund hierfür: Man lastete ihr den Stadtbrand an. Eine weitere kleine Ausstellung im Hauptflügel der Burg beschäftig sich mit Rittern.

Moderne Kunst in altem Gemäuer

Deutlich friedlicher als die Folterausstellung ist die in der ehemaligen Burgkapelle untergebrachte Ausstellung moderner Kunst. Sie ist Teil des Landesmuseums und das Museum ist weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt. Hier könnt ihr sowohl Werke polnischer als auch internationaler Künstler bewundern.

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Pfarrkirche

Ein Gewölbe wie das Himmelszelt

Die Pfarrkirche von Reszel entstand zwischen dem späten 14. und dem frühen 16. Jahrhundert. Die dreischiffige Hallenkirche verfügt über achteckige Pfeiler, die das wundervolle, von Niclas Scheunemann geschaffene Sternengewölbe halten, das sich durch das gesamte Gotteshaus zieht. Das Innere ist reich an Gesimsen, Giebeln und kleinen Verzierungen, die alle noch aus dem Spätmittelalter stammen. Über dem Eingang verfügt die Kirche zudem über eine sehenswerte, goldummantelte Orgel. An der Ostseite der Kirche wurde später eine kleine Bibliothek hinzugefügt, die über ein sehenswertes Tonnengewölbe verfügt.

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Pracht, wohin das Auge blickt

Altar aus Meisterhand

Bei dem großen Stadtbrand von 1806 wurde auch die Kirche in Mitleidenschaft gezogen und erhielt anschließend eine neue Innenausstattung, darunter den von Wilhelm Biereichel geschaffenen Hochaltar mit Bildern und Figuren von Christoph Peucker, Isaak Riga (Hofbildhauer des Herzogs von Preußen und einer der bedeutendsten Holzschnitzer seiner Zeit) und dem aus Olsztyn stammenden Anton Johann Blank, sodass das Innere heute sowohl über barocke als auch klassizistische Elemente verfügt.

Aussichtsturm

An der Westseite der Kirche steht ein riesiger Turm, der aus acht Stockwerken besteht und 52 Meter hoch ist. Von hier aus hat man die beste Sicht auf die Burg und den Altstadtmarkt, die 250 Stufen und der geringe Eintritt lohnen sich also!

Neben der Kirche steht die ehemalige Residenz des Erzpriesters, ein 2019 aufwendig restauriertes Gebäude aus dem 15. Jahrhundert, das noch vor wenigen Jahren dem Verfall preisgegeben war.

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Marktplatz

Der eigentliche Kern von Reszel mit seiner fast durchgehend historischen Bebauung erstreckt sich auf einem quadratischen Areal, das nur etwa 200 x 200 Meter groß ist. Nach einem Brand im Jahr 1806 musste die Stadt fast komplett neu errichtet werden und erhielt damals ihr heute noch zu bestaunendes klassizistisches Aussehen. Im Zentrum dieses Areals befindet sich der Marktplatz der Stadt.

Rathaus mit ungewöhnlichem Dach

Das schönste Gebäude am Platz ist das Rathaus, das ab 1815 oder 1816 auf den Fundamenten des alten gotischen Rathauses errichtet wurde.Das zweigeschossige, weiße Gebäude verfügt über einen Portikus mit zwei Säulen am Eingang und ein schwungvolles Dach, in dessen Mitte seit der Errichtung des Gebäudes eine Turmuhr mit Spitze zuverlässig die Zeit anzeigt.

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Kriegerdenkmal als Zeichen der Versöhnung?

Nördlich des Marktplatzes befindet sich ein altes deutsches Kriegerdenkmal, das nicht etwa nach dem Krieg abgerissen wurde, sondern um eine polnische Plakette ergänzt wurde, sodass nun deutscher und polnischer Kriegsopfer in gewissem Sinne gleichermaßen gedacht wird.

Essen und Trinken

  • Restauracja Zamkowa, Tel. +48 89 7550109. Im Innenhof der Burg oder dessen Gewölbe werden Klassiker der polnischen Küche serviert. Angeschlossen ist eine Bar, die oft bis in die Morgenstunden geöffnet ist.
  • Restauracja Rycerska, Rynek 7, Tel. +48 89 7550016. Das „Ritterrestaurant” kann optisch sicher nicht mit dem Lokal in der Burg mithalten, bietet aber leckere polnische Klassiker zu sehr guten Preisen. Von der Kuttelsuppe bis zu den Pierogi – hier am Marktplatz schmeckt einfach alles.

Übernachten

In der Burg ist ein tier- und familienfreundliches Hotel untergebracht. Die 20 Zimmer verfügen über modernen Komfort und sind individuell auf ihre gotische Umgebung abgestimmt – der perfekte Rahmen also für euren Reszel-Besuch!

Alternativ könnt ihr auch eine Unterkunft über Airbnb* buchen, wo auch viele Übernachtungsmöglichkeiten mit Familienanschluss im Umland angeboten werden.

Ausflüge ins Umland

Für den Besuch von Reszel solltet ihr etwa einen halben Tag einplanen. Danach könnt ihr noch zu zwei bedeutenden Sehenswürdigkeiten fahren, die sich bereits in Masuren befinden und mit dem Auto in wenigen Minuten erreicht werden können.

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Heiligelinde

Nur 6 km von Reszel entfernt steht die vielleicht schönste Kirche Nordpolens, ein barockes Kleinod, das auf eine alte Legende zurückgeht. Einst soll im benachbarten Rastenburg ein Gefangener nach einer Marienerscheinung eine Jesusfigur geschnitzt haben, die so schön war, dass man ihn freiließ. Er hängte die Figur an eine Linde und in der Folge kam es zu zahlreichen Wundern. Nachdem man eine erste Kapelle errichtet hatte, ließen die Jesuiten die noch heute existierende Kirche errichten, die zum prächtigsten zählt, was das Land zu bieten hat.

Der schönste Weg nach Heiligelinde

Damit die Bürger von Reszel sich bei der recht kurzen Pilgerfahrt über die Staatsgrenze nicht verliefen, wurden unter Bischof Christoph Andreas Johann Szembek in den 1730er-Jahren entlang des Pilgerwegs mehrere barocke Sandsteinkapellen in Auftrag gegeben, die von dem aus Braunsberg stammenden Bildhauer Johannes Frey ausgeführt wurden. Frey galt als einer der bedeutendsten Bildhauer des Ermlands und schuf in der Region zahlreiche Altäre. Die 15 Kapellen, malerisch eingebettet in eine an Linden reiche Landschaft, sind gut erhalten und bieten einen schönen Rahmen für eine kleine Wanderung von Reszel nach Heiligelinde.

Wolfsschanze

Wolfsschanze

Tief in den ostpreußischen Wäldern ließ Hitler eine monströse Bunkeranlage errichten, die er während des Zweiten Weltkriegs fast drei Jahre lang bewohnte und von wo aus der Krieg im Osten koordiniert wurde. Die Dimensionen der Bunkerstadt sprengen beinahe die Vorstellungskraft, meterdicke Mauern und ein geheimer Flughafen sorgen für eine unheimliche Stimmung. Diese wird noch dadurch verstärkt, dass die Nazis bei ihrem Abzug weite Teile der Anlage sprengten und die Natur das Waldstück langsam zurückerobert. Vor wenigen Jahren wurde hier endlich ein Museum eingerichtet, sodass man heute auch auf Deutsch viele Informationen zur Geschichte der Anlage erhält, in der einst Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler verübte. In einem eigenen Beitrag stellen wir euch die Wolfsschanze genauer vor.

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