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Ukrainisch und Russisch

Ukrainisch und Russisch – Wie ähnlich sind die beiden Sprachen?

Inhaltsverzeichnis

Ich lebe nun schon einige Jahre in der Ukraine und habe sowohl mit Ukrainischsprechern wie auch Russischsprechern zu tun. In der Ukraine können viele Leute beide Sprachen. Aber es sind bei weitem nicht alle. Vor allem Touristen und Besucher aus dem Ausland fragen mich immer wieder, wie ähnlich sich Ukrainisch und Russisch sind. Heute nutze ich mal die Gelegenheit und stelle euch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Sprachen vor.

Ukrainisch und Russisch – Die slawische Sprachfamilie

Ukrainisch und Russisch sind beide slawische Sprachen die zu den indo-europäischen Sprachen gehören. Slawische Sprachen werden vor allem in Ost- und Südosteuropa gesprochen. Durch Migranten und internationale Beziehungen sind sie aber auch anderswo verbreitet. Die slawischen Sprachen unterteilen sich jedoch zusätzlich noch in Untergruppen. Diese sind:

  • Ostslawische Sprachen

Hierzu zählen neben Russisch und Ukrainisch auch Belarusisch und einige ausgestorbene Sprachen wie das Altrussische (es wird je nach Land auch als Altukrainisch oder Altbelarusisch bezeichnet).

  • Westslawische Sprachen

Hierzu zählen zum Beispiel Polnisch, Tschechisch und Slowakisch, aber auch beide sorbische Sprachen, der in der Lausitz beheimateten Sorben (die sorbische Sprache haben wir hier für euch in unserem Artikel zum Sorbischen Bautzen genauer unter die Lupe genommen). Auch Kaschubisch, das zum Beispiel die Oma von Günter Grass noch sprach, gehört hier mit einigen ausgestorbenen Sprachen wie Pomeranisch dazu.

  • Südslawische Sprachen

Auf dem Balkan werden südslawische Sprachen gesprochen, zu denen zum Beispiel Bulgarisch, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch, Montenegrinisch, Mazedonisch und Slowenisch gehören.

Wie man sieht, gehören Ukrainisch und Russisch damit zum gleichen Sprachzweig. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob die beiden Sprecher einander verstehen.

Ukrainisch und Russisch als Sprachen – Bogen der Freundschaft in Kyijiw
Bogen der Freundschaft in Kyijiw: In den vergangenen Jahren hat die Freundschaft von Ukrainern und Russen Risse bekommen.

Geschichte der Ukraine und Russlands – Vereint oder getrennt?

Das Wissen über die Geschichte Osteuropas und besonders über die der Ukraine ist leider im Westen nicht sehr groß. Hinzu kommt, dass viele vermeintliche Experten gern falsche Fakten über die Geschichte der Ukraine verbreiten und behaupten, dass die Ukraine und Russland schon immer zusammen gehört hätten. Das ist jedoch nicht korrekt. Zwar berufen sich sowohl Russen wie auch Ukrainer auf Ursprünge in der Kyjiwer Rus. Jedoch gab es auch jahrhundertelange Phasen, in denen beide Gebiete sich völlig getrennt entwickelten.

Erst 1667 wurde die Ukraine aufgeteilt und die Gebiete östlich des Dnipro und die Stadt Kyjiw (Kiew) kamen unter die Kontrolle des Fürstentums Moskau. Weitere Gebiete westlich des Dnipro kamen durch die Teilungen Polens durch die umliegenden Großmächte an das nun zaristische Russland. Die Russen gründeten viele Städte im heutigen Osten und Süden der Ukraine. Galizien hingegen wurde durch die polnischen Teilungen von Österreich-Ungarn verwaltet und verblieb bis zum Ersten Weltkrieg unter dieser Herrschaft.

Versuche einer ukrainischen Staatsgründung

Schon die Kosaken um Hetman Bohdan Chmelnyzkyj wollten einen eigenen ukrainischen Staat gründen, scheiterten damit jedoch. Einen weiteren Versuch einer Staatsgründung gab es nach dem Ersten Weltkrieg. Die Ukrainische Republik wurde jedoch zwischen der radikal expandierenden Sowjetunion und Polen zerrieben. Galizien blieb bis zum Zweiten Weltkrieg polnisch, Transkarpatien wurde tschechoslowakisch, die Bukowina rumänisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Polen jedoch aus der Ukraine vertrieben und die Ukrainische SSR in den heutigen Grenzen der Ukraine war Teil der UdSSR.

Ukrainer und Russen Holodomor
Mahnmal für den Holodomor in Kyjiw – Viele Russen leugnen die Hungersnot bis heute.

Ukrainer und Russen in der Sowjetunion

In der Sowjetunion fand eine radikale Russifizierung statt. Bereits Stalin hatte in den 1930er Jahren künstlich eine Hungersnot ausgelöst. Bei diesem sogenannten Holodomor* starben Schätzungen zufolge fünf bis acht Millionen Ukrainer, weil die Kommunisten alle Lebensmittel abtransportierten. Ganze Landstriche wurde entvölkert und danach mit Russen und anderen russischsprachigen Arbeitern besiedelt. Die bis dahin kulturell ukrainische Ostukraine wurde teilrussifiziert.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weiter Russen in die Gebiete der Ukraine umgesiedelt, vor allem im Rahmen der Errichtung großer Kraftwerke und Industrieanlagen – das Atomkraftwerk von Tschornobyl ist ein gutes Beispiel dafür. Russen beherrschten die sowjetische Nomenklatura, auch wenn Ukrainer unter den sowjetischen Funktionären ebenfalls stark vertreten waren.

Unabhängigkeit der Ukraine

Der Zusammenbruch der Sowjetunion beförderte auch in der Ukraine eine eigenständige Nationalbewegung, die auch die Eigenständigkeit der ukrainischen Kultur und Sprache betonte. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August 1991 wuchsen auch die Differenzen zwischen der Ukraine und Russland in politischen Fragen, die sich zum Beispiel an der langanhaltenden Diskussion über die Krim spiegelte und auch am Widerstand der russischsprachigen Bevölkerung gegen eine Zunahme der Bedeutung der ukrainischen Sprache in der Ukraine.

Befeuert durch Propaganda kam es nicht nur zu einer Annexion der Krim durch Russland, sondern auch zum Ukrainekrieg, bei dem Russland prorussische Separatisten nicht nur mit Waffen versorgte und de facto ganze Armeeeinheiten in den Donbas verlegte. Der Krieg hat eine tiefe Kluft zwischen Ukrainern und Russen entstehen lassen und spaltet weiter ganze Familien.

Ukrainer und Russen – Unterschiedliche Identitäten

Der Krieg in der Ukraine hat die Zentrifugalkräfte, die Ukrainer von Russen kulturell entfernen, extrem beschleunigt. In der Ukraine gibt es zwar weiter große Sympathien für russische Menschen. Doch mittlerweile sind auch russlandfreundliche Ukrainer dazu übergegangen, nicht nur die Unabhängigkeit des Landes, sondern auch die Eigenständigkeit der ukrainischen Kultur zu verteidigen. Bereits zu Zeiten des Zarenreiches gab es immer wieder Versuche von Russen, Ukrainern ihre eigene Identität abzusprechen. So nennen Russen Ukrainer gern „Kleinrussen“. Ukrainer, die in der sowjetischen Ukraine aufwuchsen, berichten immer wieder von Stereotypen, die ihnen von Russen entgegengebracht wurden.

Wir sind endlich wer

Ukrainer werden aber zunehmend selbstbewusster darin, ihren Platz in Europa zu behaupten und die benachteiligte ukrainische Sprache wieder mehr zu verbreiten. Beispiele aus jüngerer Vergangenheit sind Initiativen, bei denen ukrainische Kultureinrichtungen international darauf drängen, die russischen Schreibweisen ukrainischer Städte zugunsten der ukrainischen Schreibweisen zu ändern: Kyjiw statt Kiew, Lwiw statt Lwow, Charkiw statt Charkow. Auch streiten Ukrainer gern dafür, dass Borschsch als Nationalgericht der Ukraine und nicht als russisches Gericht angesehen wird. Und das sind nur zwei Beispiele.

Ukrainisch und Russisch – wie ähnlich?
Ukrainisch verteidigt viele alte slawische Wörter.

Ukrainisch und Russisch – Unterschiede der Sprache

Entwicklung der ukrainischen Sprache unabhängig vom Russischen

Was die Sprachen betrifft, hat über die Jahrhunderte natürlich vor allem die getrennte Zugehörigkeit erheblich die unterschiedliche Entwicklung der beiden Sprachen Ukrainisch und Russisch befeuert. Ukrainisch, früher auch noch als Ruthenisch bezeichnet, wurde vor allem auf dem Land gesprochen und blieb dort Lingua Franca in der Ukraine. In den Städten hingegen wurde meist Polnisch (in Galizien und bis 1795 auch in Podilien) und Russisch (Rest der Ukraine) gesprochen.

In den zum russischen Zarenreich gehörenden Teilen der Ukraine war es jedoch verboten, Ukrainisch zu sprechen. Ukrainisch wurde als „Klein-Russisch“, als Dialekt abgetan und diskriminiert. Eine ukrainische Nationalbewegung bildete sich aber unter den Kosaken aus und wurde im 19. Jahrhundert stark. In den zu Österreich-Ungarn gehörenden Teilen der Ukraine konnten sich Bildungsvereine gründen und die Nutzung der Sprache war erlaubt.

Einflüsse aus anderen Sprachen

Durch die unterschiedlichen Zugehörigkeiten bildeten sich in den jeweiligen regionalen Dialekten Besonderheiten heraus. In Galizien beinhaltet das Ukrainische immer noch viele polnische Wörter. In Transkarpatien werden im lokalen Dialekt viele ungarische Wörter verwendet, in der Bukowina nicht wenige rumänische Wörter und allgemein gibt es im Ukrainisch einige deutsche und auch jiddische Wörter.

Im Russischen hingegen gab es bereits unter dem Zaren Peter der Große eine Sprachreform, bei der viele westliche Wörter in das Russische einflossen, vor allem aus dem Französischen und Lateinischen aber auch manche aus dem Deutschen. Dadurch haben sich beide Sprachen weiter voneinander entfernt, denn im Ukrainischen wurde die Sprache vor allem im 19. Jahrhundert standardisiert.

Russisch und Ukrainisch – Die Alphabete

Wenn man auf den einfachsten Aspekt schaut, das Alphabet, werden bereits erste Unterschiede deutlich. So haben sowohl Ukrainisch wie auch Russisch Buchstaben, die das jeweils andere Alphabet nicht nutzt. Diese sind hier rot hervorgehoben.

Das ukrainische Alphabet

А а, Б б, В в, Г г, Ґ ґ, Д д, Е е, Є є, Ж ж , З з, И и, І і, Ї ї, Й й, К к, Л л, М м, Н н, О о, П п, Р р, С с, Т т, У у, Ф ф, Х х, Ц ц, Ч ч, Ш ш, Щ щ, Ь ь, Ю ю, Я я

Das russische Alphabet

А а, Б б, В в, Г г, Д д, Е е, Ё ё, Ж ж, З з, И и, Й й, К к, Л л, М м, Н н, О о, П п, Р р, С с, Т т, У у, Ф ф, Х х, Ц ц, Ч ч, Ш ш, Щ щ, Ъ ъ, Ы ы, Ь ь, Э э, Ю ю, Я я

Wie man sieht, gibt es im Ukrainischen das І і, das es auch in lateinischen Alphabeten gibt. Im Russischen wird dafür der Buchstabe И и verwendet. Im Ukrainischen existiert dieser Buchstabe auch, wird aber anders ausgesprochen. Für diesen Laut gibt es wiederum einen Äquivalent im Russischen, den Buchstaben Ы ы. Є є ist im Ukrainischen die Kombination aus J + E. Im Russischen kann dafür Е е genutzt werden, aber nur unter Umständen – it’s complicated!

Ähnliches gilt für den Buchstaben Г г. Er wird im Ukrainischen wie ein H im Deutschen verwendet. Im Russischen steht er hingegen für den Buchstaben G. Die Stadt Halle in Sachsen-Anhalt wird im Russischen Galle ausgesprochen und Hamburg heißt auf Russisch Gamburg. Russen haben oft Probleme mit der Aussprache des G. Ukrainer haben übrigens auch den Buchstaben G. In ihrem Alphabet ist es der Buchstabe Ґ ґ.

Doppelbuchstaben mal hier mal da

Besonders unterhaltsam finde ich, wie es in beiden Sprachen jeweils Buchstaben gibt, die beide Laute zusammenfassen wie der Buchstabe Ї ї im Ukrainischen. Er wird wie J + I ausgesprochen also ji. Im Russischen muss dafür die Kombination aus и und й herhalten. Doch wer dachte das wäre eine ukrainische Eigenart, der hat sich gewaschen. Im Russischen gibt es den Buchstaben Ё ё. Er besteht aus den Lauten J + O also jo. Im Ukrainischen gibt es diesen Buchstaben natürlich nicht, sondern er besteht dort aus den Buchstaben й + о.

Ukrainisch und Russisch - Sowjetische Trickfilme
Trickfilme aus der Sowjetunion kennen auch fast alle Ukrainer.

Überflüssige Buchstaben

Fairerweise muss ich noch das Ъ ъ erwähnen, dass es im Russischen, nicht jedoch im Ukrainischen gibt, das aber nicht ausgesprochen wird und der am wenigsten genutzte Buchstabe im russischen Alphabet ist. Im Ukrainischen wird dafür einfach ein Apostroph gesetzt. Es handelt sich nicht um einen Laut, sondern um ein sogenanntes Härtezeichen.

Russisch und Ukrainisch – Der Wortschatz

Nachdem ich euch nun die Unterschiede im Aphabet aufgezeigt habe, rüttele ich gleich mal weiter an euren Überzeugungen. Denn auch wenn Ukrainisch und Russisch beide zu den ostslawischen Sprachen gehören, teilen beide Sprachen mit anderen slawischen Sprachen wesentlich mehr gemeinsame Wörter.

Ukrainisch – Ähnlichkeiten im Wortschatz

Das Ukrainische ist am nächsten mit dem Belarusischen verwandt. Linguisten haben die Sprachen verglichen und 84% der Wörter des Ukrainischen kommen auch im Belarusischen vor. Das liegt auch daran, dass beiden Gebiete viel länger unter gleichen Herrschaften standen als die Ukraine und Russland.

Wer denkt, dass nun Russisch folgen müsste, der irrt. Es kommen zunächst Polnisch (70 %), Slowakisch (68 %) und dann erst Russisch (62 %). Ich muss dazu sagen, dass unterschiedliche Quellen zu leicht unterschiedlichen Ergebnissen kommen, was aber auch an unterschiedlicher Methodik liegt. Nichtsdestotrotz ist in allen Quellen, die ich gelesen habe, Russisch in der Vergleichbarkeit immer deutlich hinter Slowakisch und Polnisch.

Beispiel: Die Monate in beiden Sprachen

Die Monate sind ein perfektes Beispiel, wie sich die Sprachen unterscheiden. Ukrainisch ist hier dem Polnischen und anderen westslawischen Sprachen ähnlich und nutzt die alten slawischen Wörter für die Monate, die mitunter sehr poetisch sind. So heißt der November im Ukrainischen sinngemäß „Blätterfall“ und der April „Blühe“, weil im einen Monat die Blätter von den Bäumen fallen und im anderen die Blumen blühen.

MonatUkrainisch – місяцьAussprache -misjatsʹRussisch -МесяцAussprache – mjesjaz
Januarсіченьßietschen‘Январьjanwar
FebruarлютийljutyjФевральfewral
Märzберезеньbärressen‘Мартmart
Aprilквітеньkwie-ten‘Апрельaprjél
Maiтравеньtra-wennМайmai
Juniчервеньtscher-wennИюньijun
Juliлипеньlie-pennИюльijul
Augustсерпеньßer-pennАвгустawgußt
Septemberвересеньwer-reßenСентябрьßentjabr
Oktoberжовтеньschow-tenОктябрьaktjabr
NovemberлистопадlistopadНоябрьnajabr
Dezemberгруденьhru-dennДекабрьdekabr

Grammatik

Generell sind Ukrainisch und Russisch sich zumindest in der Grammatik sehr ähnlich. In den meisten Fällen ist die Anwendung von Zeitformen und Fällen gleich. Das heißt, dass die Struktur das gleiche Prinzip aufweist. Jedoch unterscheiden sich die Endungen. Zudem kennt das Ukrainische drei Futurformen, während im Russischen nur zwei existieren. Auch kennt das Ukrainische nicht sechs, sondern sieben Fälle. Der siebente Fall ist der Vokativ, der nur noch bei Ansprachen, wie zum Beispiel in Briefen genutzt wird. Dadurch ändert sich die Endung bei Namen bei einer Begrüßung. Im Russischen wurde dieser Fall bereits abgeschafft und auch ukrainische Linguisten gehen davon aus, dass dieser Fall im Ukrainischen möglicherweise in einer zukünftigen Sprachreform wegfallen wird.

Aussprache

Für mich persönlich haben beide Sprachen einen interessanten Klang. Jedoch hört sich Ukrainisch für mich meist etwas leichter an. Das liegt vor allem daran, dass im Ukrainischen alles Geschriebene auch ausgesprochen wird. Zudem ändert sich die Aussprache nicht. Im Russischen zum Beispiel wird der Buchstabe O oft als A ausgesprochen. Bestes Beispiel: Milch auf Russisch und Ukrainisch молоко wird im Russischen als Malako ausgesprochen. Im Ukrainischen hingegen ist es Moloko, so wie es geschrieben wird.

Nach meinem Gefühl werden im Ukrainischen deutlich mehr Vokale als im Russischen verwendet. Auch werden mehr weiche Konsonanten verwendet. Aber dieser Eindruck kann subjektiv sein.

Ukrianisch und russisch Matroschkas in Kyjiw
Matroschkas sind eine russische Tradition.

Dialekte

Dialekte sind ein interessantes Thema. Denn eigentlich gibt es im Russischen selbst trotz der Größe des Landes kaum Dialekte. So kann man das Russische in drei Zweige aufteilen. Es gibt das Nordrussische, das Zentralrussische und das Südrussische. Dennoch kann jemand aus Wladiwostok jemand aus St. Petersburg ohne Probleme verstehen. Interessant wird es, wenn Russisch in Ländern und Regionen eine Lingua Franca ist und dort gesprochen wird. In der Ukraine ist zum Beispiel das Russisch, das in Odessa gesprochen wird, sehr bekannt, da es viele Einflüsse aus dem Jiddischen hat. Auch das im Kaukasus gesprochene Russisch weicht vom Standardrussischen ab. Da Russisch in vielen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion gesprochen wird, gibt es viele unterschiedliche Einflüsse, die aber regional begrenzt bleiben.

Ukrainische Dialekte – Größere Vielfalt auf kleinerer Fläche

Im Ukrainischen gibt es viele unterschiedliche Dialekte. Gemeinhin gilt das Ukrainische aus der Region um Poltawa eigentlich als das Standardukrainisch, da die Schriftsprache an die Sprache dieser Region angelehnt ist. Das war jedoch im 18. und 19. Jahrhundert. Heute sprechen dort viele Menschen Russisch oder Surschyk (gleich mehr dazu). Die meisten Ukrainischsprecher gibt es in der Westukraine. In allen Regionen dort gibt es aber Dialekte, die durch die geschichtlichen Einflüsse viele Lehnwörter aus dem Polnischen, Deutschen, Ungarischen und Jiddischen haben. Manchmal ist es daher nicht ganz einfach für Ukrainer aus anderen Regionen, die westlichen Dialekte zu verstehen.

Ukrianisch und Russisch – Mischsprache Surschyk
Surschyk wird in vielen Teilen der Ukraine gesprochen, in der Zentralukraine jedoch mehr als im Westen.

Surschyk – Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch

Abgesehen von den Dialekten des Ukrainischen gibt es aber in der Zentral- und Ostukraine viele Menschen, die eine Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch sprechen. Diese Surschyk genannte Sprache vereint Merkmale beider Sprachen. Surschyk bezeichnet eigentlich eine Mischung aus verschiedenen Mehlen. Die Mischsprache entstand durch die forcierte Russifizierung vor allem in der Zentral- und Ostukraine. Nicht-Russischsprecher waren gezwungen, Russisch zu sprechen und mischten gelernte russische Wörter mit ukrainischer Grammatik. Diese Sprache ist von beiden Seiten eigentlich verpönt, ist aber bis heute in vielen Regionen verbreitet. Besonders im Osten der Ukrainer sprechen viele Landbewohner eher einen Mix aus Ukrainisch und Russisch als die Reinformen.

Verstehen Ukrainer Russen und andersrum?

Eine der häufigsten Fragen, die ich von ausländischen Besuchern in der Ukraine bekomme, ist, ob Ukrainer Russisch verstehen und andersrum. Ich muss sagen, dass das Verständnis in diesem Fall einer Einbahnstraße gleicht.

Russen und das Ukrainische

Viele Russen sehen Ukrainisch nicht als eigenständige Sprache an, da nur wenige sich damit beschäftigen und besonders die staatliche russische Propaganda gern den Eindruck erwecken möchte, dass Unterschiede zwischen den Ländern und Sprachen marginal sind – besonders wenn es gerade opportun ist. Dabei verstehen Russen, vor allem aus Russland, ohne Vorkenntnisse kein Ukrainisch. Auch sprechen natürlich nur rund 40 Millionen Menschen Ukrainisch und das beschränkt sich auf die Ukraine und die Ukrainer in der Diaspora. Russisch ist eine Weltsprache und hat über 200 Millionen Muttersprachler – und viele mit Zweitsprachenniveau. Selbst wenn Russen in die Ukraine ziehen, sind sie in vielen Teilen der Ukraine nicht darauf angewiesen, Ukrainisch zu lernen, da eine Mehrheit Russisch zumindest fließend spricht.

Ukrainer und das Russische

Russisch hingegen war durch die forcierte Russifizierung in den Schulen der Ukraine bis zur Wende Pflicht. Auch heute gibt es im Land noch viele russischsprachige Schulen. Jedoch haben die letzten ukrainischen Regierungen einiges für den Schutz der ukrainischen Sprache getan und Ukrainisch wird unter Ukrainern wieder populärer. Im Rundfunk und TV gibt es Quoten für einen Anteil ukrainischer Inhalte, die streng durchgesetzt werden.

Da Russisch kein Pflichtfach mehr ist, gibt es vor allem in der Westukraine junge Ukrainer, die gar kein Russisch mehr können, dafür aber fließend Polnisch oder Englisch gelernt haben. In der Westukraine braucht man im Alltag kein Russisch. In der Zentral- und Ostukraine sprechen jedoch meist noch mindestens 50% der Menschen in den Städten Russisch. Umso östlicher oder südlicher sowie näher an oder in Städten man sich befindet, desto mehr Menschen sprechen Russisch.

Soll ich Russisch oder Ukrainisch lernen?

Diese Frage stellt ihr euch vielleicht, wenn ihr die Ukraine besuchen möchtet. Und hey, das ist schon super, denn viele Leute wollen in der Ukraine von vornherein Russisch lernen und denken gar nicht daran, dass Ukrainisch vielleicht die bessere Wahl sein könnte.

Wann Ukrainisch lernen?

Um es kurz zu fassen: Wenn ihr in die Westukraine, zum Beispiel nach Lemberg, Transkarpatien, in die Karpaten oder nach Wolhynien fahrt, dann lernt mindestens die wichtigsten Phrasen und Wörter auf Ukrainisch. Hier sind die Menschen stolz auf die ukrainische Sprache. Ok, das sind sie auch in der Hauptstadt und der Zentralukraine. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, hier einen Russisch-Muttersprachler zu treffen höher als im Westen.

Dennoch wird es auch dort sehr gern gesehen, wenn Besucher ein paar Brocken Ukrainisch können. Ich bin sogar schon in Charkiw, also in einer Stadt, in der 80-90% Russischmuttersprachler leben, für mein Ukrainisch komplimentiert worden. Das liegt auch daran, dass es viele ethnische Ukrainer gibt, die sehr patriotisch sind, deren Muttersprache aber Russisch ist. Ihr seht, es ist kompliziert!

Wann Russisch lernen?

Russisch solltet ihr dann lernen, wenn ihr vor habt, auch nach Russland und in andere Länder zu fahren, in denen Russisch die Lingua Franca ist. Auch wenn ihr eher in die Süd- und Ostukraine fahrt, dann ist Russisch in den meisten Fällen eine gute Wahl. Und immerhin ist es ja super, dass ihr euch überhaupt an eine slawische Sprache wagt. Und auch wenn ich euch jetzt in diesem Artikel auch die viele Unterschiede von Ukrainisch und Russisch erklärt habe, ist es trotzdem leichter, mit dem Wissen einer slawischen Sprache noch eine andere zu lernen.

Buchtipps für Sprachlerner

Für beide Sprachen gibt es Lehrbücher. Natürlich ist die Auswahl für Russisch wesentlich größer als für Ukrainisch. Aber auch Ukrainisch-Enthusiasten werden durchaus fündig.

Ukrainisch lernen – Buchtipps

  • Privit heißt Hallo und es ist ein Titel für ein Ukrainisch-Lehrbuch mit vielen praktischen Übungen für Einsteiger.

  • Wesentlich umfangreicher ist das Buch Ukrainisch für Anfänger und Fortgeschrittene, da hier auch den Ukrainischlernenden mit mehr Erfahrung Raum gegeben wird. Interessante Übungen, die dabei helfen die Sprache zu lernen.

Russisch lernen – Buchtipps

  • Die PONS-Reihe führt mit Audiobeispielen, einem guten Lehrbuch, praktischen Beispielen und Tests in die Sprache Russisch ein.

  • Günstiges Buch für Anfänger mit vielen praktischen Beispielen. Besonders die Grammatik ist einfach und verständlich erklärt.

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Peter Althaus ist Journalist, Autor und Blogger. 2011 hat er das Reiseblog Rooksack gegründet. Doch seine eigentliche Liebe ist immer schon Osteuropa gewesen. Mittlerweile lebt er in Lwiw in der Ukraine und führt dort einen Reiseveranstalter. Da er aber weiter gern schreibt, gibt es heute Wild East – das Osteuropa-Reiseblog.

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