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Rasim Babayev

Rasim Babayev – Der Kaukasus-Picasso

Inhaltsverzeichnis

Ihr habt noch nie von Rasim Babayev gehört? Im Westen ist der Künstler noch relativ wenig bekannt. Grund genug für uns, euch den aserbaidschanischen Ausnahmemaler in einem Porträt einmal genauer vorzustellen.

Rasim Babayevs frühe Jahre

Der aus Baku stammende expressionistische Maler Rasim Babayev war der bekannteste Vertreter der unabhängigen Abşeron-Künstlergruppe und lange Jahre das Enfant terrible der aserbaidschanischen Kunstszene. Der am Ende seines Lebens hoch dekorierte Volkskünstler studierte 1945 und 1949 an der Staatlichen Kunstschule in Baku und zog Anfang der 1950er Jahre nach Moskau.

Enttäuschte Rückkehr aus der Hauptstadt

Der Sehnsuchtsort, den Moskau für ihn bis dato dargestellt hatte, sollte sich alsbald als Enttäuschung entpuppen. Im Puschkin-Museum bekam er wider Erwarten keine Kunst zu sehen, sondern nur all die Gastgeschenke, die Stalin gemacht worden waren. 1956 bezichtigte man ihn des „Formalismus“, einer zu großzügig ausgelegten Autonomie der Form, und versagte ihm den Studienabschluss. Daraufhin kehrte er der Hauptstadt der UdSSR, zu der Aserbaidschan zu dem Zeitpunkt noch gehört hatte, den Rücken und zog zurück nach Baku, wo er bereits 1959 Mitglied der Künstlervereinigung Aserbaidschans wurde.

Rasim Babayev
Die „Div“ genannten Kobolde

Von der Schwarz-Weiß-Grafik zum bunten Kobold

Babayevs ungemein produktive Künstlerkarriere begann in den 1960er-Jahren mit Schwarz-Weiß-Grafiken als Buchillustrationen. Erst in einer späteren Schaffensphase kam Farbe in sein Werk und er schuf grell bunte Ölgemälde oder Aquarelle mit obskuren, gehörnten, Div genannten Kobolden und allerlei anderen mythischen Wesen.

Rasim Babayev
Bild: Elnur Babayev

Versteckte Kritik in Form von Dämonen

Schon als Kind hatte ihn das Böse fasziniert. Diabolische Gestalten kamen in den einheimischen Märchen vor, suchten ihn aber dann in seinen Träumen heim. Dass sich hinter den bunten Teufelswesen in seinen Gemälden später die Sowjetherrscher verbargen, gab er nur widerwillig zu. Wenn Staatsgäste in Baku erwartet wurden, verschwanden seine exzentrischen, mit pastösem Strich ausgeführten Malereien kurzzeitig aus den Museen, da seine Motive für die Regierenden als zu subversiv wahrgenommen wurden. Viele seiner Gemälde wurden erst gar nicht ausgestellt. Babayev übte auf eine subtile Art Kritik am Regime und weigerte sich standhaft, Porträts wichtiger Staatenlenker anzufertigen.

Ein unabhängiger Geist

Wenn er aus finanziellen Gründen zuweilen Auftragsarbeiten annahm, benutzte er eine separate Farbpalette. Er thematisierte in seinen Werken weder die fortschreitende Industrialisierung in Aserbaidschan, noch unterzeichnete er Petitionen, in denen Vertreter der Intelligenzija wie Boris Pasternak oder Andrej Sakharov an den Pranger gestellt werden sollten. Babayev blieb ein streitbarer, unabhängiger Geist.

Widerstand gegen den Sozialistischen Realismus

Die offizielle, aus Moskau verfügte Doktrin des Sozialistischen Realismus, eine Stilrichtung, die Wirklichkeitsnähe propagierte und jegliche Form der Abstraktion und Ästhetisierung unterdrückte, machte Babayev zu einem Vertreter des „Primitivismus“. Mit diesem latent despektierlichen Begriff wurde abstrakte Volkskunst mit wilden Tieren und opulenten Farben, jedoch ohne Bildperspektive bezeichnet.

Diese Stilrichtung wurde zu Sowjetzeiten nur geduldet, aber nicht geschätzt, auch wenn Babayev ein ganzes Paralleluniversum um die beiden Antagonisten „Gut“ und „Böse“ schuf.

Kreative Phase in den 80er Jahren

In seinen von klassischen Dramen und emotionalen Momenten geprägten Gemälden tauchten zuweilen sterbende weiße Drachen auf, die den Untergang der Sowjetunion symbolisieren sollten. Viele seiner abstrakten Tableaus zeigten die teufelsgleichen Gesellen mit zwei oder mehr Gesichtern, Armen, Fingern und Köpfen. Die Bezeichnung „der kaukasische Picasso“ kam nicht von ungefähr. In den 1980er Jahren wurde Babayevs Kunst populärer und sichtbarer, er erlebte eine politische und ideologische Renaissance und hinterließ ein auch vom Umfang her beeindruckendes Oeuvre.

Aufnahme Babayevs gegen Ende seines Lebens (Foto: Elnur Babayev)

Späte Jahre und Tod

1991 wurde Rasim Babayevs lang gehegter Traum wahr, die Unabhängigkeit seines Landes zu erleben. „Meine Bilder sind meine Kinder, wenn ich es nicht müsste, um leben zu können, würde ich keines von ihnen verkaufen“ sagte er Ende der 90er-Jahre. Als er kurz vor seinem 80. Geburtstag 2007 starb, glaubte er daran, dass seinem Heimatland eine rosige Zukunft beschieden sein würde.

Rasim Babayev
Babayevs Wohnhaus in Bilgah

Babayevs Vermächtnis

Heute lebt sein Sohn Elnur Babayev im Künstlerhaus des Vaters in Bilgah am Kaspischen Meer unweit von Baku. Er tritt in die Fußstapfen des berühmten Vaters und betätigt sich als Maler und Fotograf. In dem eigens vom Vater angelegten Wüstengarten tummeln sich Monster und märchenhafte Wesen. Sogar auf den Hauswänden sind die famosen Teufel zu finden, erstaunlicherweise in trauter Eintracht mit Adam und Eva.

Rasim Babayev gilt als einer der wichtigsten Künstler Aserbaidschans des 20. Jahrhunderts. 2008 zeigte eine Galerie in New York seine Zeichnungen, 2014 gab es im Russischen Museum in Sankt Petersburg eine große Retrospektive. Babayevs Arbeiten sind heute in Museen und Galerien in Aserbaidschan, Russland, den USA und Frankreich zu finden. Einige besonders hochkarätige Bilder sind in der Villa Petrolea in Baku in Augenschein zu nehmen. Das ist die frühere Villa der Brüder Nobel, die sich in der Zeit des Ölbooms in Aserbaidschan niedergelassen, Bohrtürme und den weltweit ersten Öltanker gebaut und die Entwicklung der Erdölindustrie im Kaukasus maßgeblich vorangetrieben hatten (siehe dazu „Die Brüder Nobel im Ölfieber“ in meinem Buch CityTrip Baku weiter unten).

Rasim Babayev
„Über den Dächern der Altstadt von Baku“

Auch im Museum für Moderne Kunst in Baku sind neben Gemälden und Skulpturen der aserbaidschanischen Moderne Bilder von Babayev ausgestellt. Die meisten der fast 800 Exponate stammen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vornehmlich aus der Zeit der Avantgarde, den 1960er- und 1970er-Jahren. Hier sieht man auch noch eine andere Seite von Rasim Babayev. In diesen Gemälden spielt die Natur die Hauptrolle. Bäume, Himmel und Erde wirken vergleichsweise friedvoll und harmlos. Das eindrücklichste, großformatige Tableau mit dem Titel „Über den Dächern der Altstadt von Baku“ zeigt jedoch die islamische Altstadt, in deren Gassen die Kobolde mit den typischen Teufelsohren ihr Unwesen treiben.

Buchtipps

Ihr wollt noch mehr lesen? Dann empfehlen wir euch die folgenden Bücher zu Aserbaidschan.

Der CityTrip Baku ein idealer Begleiter für eure Reise in die aserbaidschanische Hauptstadt. Hier werden die schönsten Sehenswürdigkeiten und Spaziergänge durch die Stadt beschrieben, ihr bekommt Tipps, wo ihr am besten essen und schlafen könnt und erfahrt in vielen Hintergrundartikeln spannende Details zum Leben der Menschen in Baku.

Baku ist vor allem auch ein lohnendes Reiseziel, wenn ihr euch für Architektur begeistern könnt. In ihrem Architekturführer Baku hat die Autorin die schönsten Gebäude der Stadt vorgestellt. Beeindruckende Bilder bringen euch diese ganz nah und bereichern euren Urlaub!

Klassischer Reiseführer zu Aserbaidschan aus dem renommierten Trescher-Verlag, der neben allerlei Hintergrundinfos zum Land auf praktische Tipps und Hintergrundinformationen enthält.

Sehr persönlicher Reisebericht, der Aserbaidschan aus der Sicht einer Deutschen vorstellt und von der Presse hochgelobt wurde.

Der Klassiker der aserbaidschanischen Literatur, der eine Liebesgeschichte am Vorabend der Russischen Revolution erzählt und ein beeindruckendes Nachwort von Nino Haratischwili enthält.

Englischsprachiges Länderporträt über Aserbaidschan, das das Land in all seinen Facetten vorstellt.

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Heike Maria Johenning ist studierte Übersetzerin und Romanistin. Seit 1996 arbeitet sie als freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Sie hat zahlreiche Reise- und Architekturführer veröffentlich, die bei Reise Know-How und dom Publishers erschienen sind. In ihren Büchern beleuchtet sie ein im Westen nahezu unbekanntes Phänomen, den Jugendstil in Osteuropa. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Titel zur „Jugendstil-Architektur in Berlin“.

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