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Tschernobyl Sperrzone

Sperrzone Tschernobyl – Kompletter Guide für einen Besuch

Inhaltsverzeichnis

Der Reaktorunfall von Tschernobyl gilt bis heute als schlimmste Nuklearkatastrophe der Welt. Er setzte eine riesige Menge an radioaktivem Material in die Atmosphäre frei und vergiftete die Landschaft rund um den Reaktor. Die Sperrzone Tschernobyl, die sich 30 Kilometer um den Unglücksreaktor zieht, ist ein radioaktives Ödland. Auf Touren von Kiew aus in die Sperrzone von Tschernobyl können Besucher in den Geisterstädten der Gegend sehen, wie die Sowjetunion erhalten wurde. Organisierte Touren bringen Touristen dorthin, um zu erkunden, was von diesem versunkenen Land übrig geblieben ist. Dieser Artikel erklärt, was während des Unfalls geschah, stellt die Tschernobyl Sperrzone und ihre besten Sehenswürdigkeiten vor und zeigt viele Details über Touren nach Tschernobyl.

In was für einer Region liegt die Tschernobyl Sperrzone?

Die ursprüngliche Siedlung Tschornobyl gab dem 18 Kilometer entfernten Kraftwerk und damit auch der verheerenden Katastrophe ihren Namen. Die unterschiedlichen Schreibweisen von Tschernobyl und Tschornobyl im Deutschen beruhen auf der Transkription entweder aus dem Russischen (Чернóбыль) oder aus dem Ukrainischen (Чорнобиль). Wir verwenden für die Stadt dabei den ukrainischen Namen, da die Stadt in der unabhängigen Ukraine liegt, für das Kernkraftwerk und das Reaktorunglück jedoch den russischen Namen, da diese geläufiger sind. Die Stadt Tschornobyl selbst wurde im Mittelalter am rechten Ufer des Flusses Prypjat gegründet.

Die Region in den Prypjatsümpfen war schon im Mittelalter Grenzland zwischen dem Großfürstentum Litauen, der Kyjiwer Rus, dem Königreich Polen und anderen Reichen. Das Sumpfland ist auch einer der schönsten Naturräume Europas in dem sich vor allem viele Vogelarten heimisch fühlen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sowohl die Stadt selbst als auch die Umgebung von deutschen Truppen besetzt. Sie verübten in der Region wie auch in der gesamten Ukraine unvorstellbare Gräueltaten. Vor allem die jüdische Bevölkerung des Ortes wurde nahezu vollständig ermordet. Daher befinden sich in der gesperrten Zone zahlreiche Gedenkorte, die an die Opfer dieser Verbrechen und an die gefallenen Rotarmisten erinnern. Ende der 1970er Jahre zählte die Stadt knapp 13 000 Einwohner.

Tschernobyl Sperrzone
Die Bedeutung des Namens des Ortes Tschornobyl geht auf den biblischen Stern Wermut zurück. Foto: Peter Althaus

Bedeutung des Namens

Für die einen ist es ein Zeichen Gottes, den anderen ist es ein seltsamer Zufall. Doch der Name Tschornobyl ist im Ukrainischen das Wort für den biblischen Stern Wermut. Über dieses Stern heißt es in der Offenbarung Psalm 8:10, 11: „Und der dritte Engel posaunte: und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen.

Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.“ Für viele Gläubige ist dies ein göttliches Zeichen. In ihren Augen wollte Gott die gottlose Sowjetunion zerstören. Ob man nun daran glaubt oder nicht: das Reaktorunglück von Tschernobyl hat tatsächlich erheblich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen.

Tschernobyl Sperrzone
Blick über den Kühlteich zum Reaktor 4 mit dem Sarkophag. Foto: Peter Althaus

Entscheidung für das Kernkraftwerk Tschernobyl

1969 beschloss der Ministerrat der Sowjetunion den Bau von zwei RBMK- 1000-Reaktoren am Standort Tschernobyl. Die 1000 steht dabei für 1000 Megawatt elektrische Leistung. Damit wurde die Region nördlich der Hauptstadt Kyjiw der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik zum dritten Standort dieses Reaktortyps und zum ersten Standort eines Kernkraftwerks in der Ukraine.

Vor allem die Nähe zur Millionenstadt Kyjiw bei gleichzeitig relativer Randlage des Reaktor und die Lage am Fluss Prypjat ließen die Entscheidung auf diese Region fallen. Obwohl die Schwachstellen der RBMK-Reaktoren bekannt waren, überwogen gegenüber den Wasser-Wasser-Energie-Reaktoren (WWER) mit Druckbehälter die geringeren Bau- und Unterhaltskosten und die dadurch um etwa 15 Prozent geringeren Stromerzeugungskosten, eine einfache Skalierbarkeit und eine bis dahin relative Störunanfälligkeit.

Bauprojekt und Ansiedlung der Bewohner aus allen Teilen der Sowjetunion

Nachdem die ersten beiden Reaktoren im Bau waren, wurde eine Erweiterung um vier weitere Blöcke beschlossen. Nach der Inbetriebnahme von Block 1 im Jahre 1978 folgten die drei weiteren 1979, 1982 und 1984. Für den Bau des Kraftwerks und der Stadt wurden zwar mitunter viele Einheimische gewonnen, die meist Ukrainisch sprachen. Unter den Ingenieuren und Kraftwerksmitarbeitern waren vor allem zu Beginn jedoch viele aus anderen Unionsrepubliken, vor allem aus der Russischen SSR. Das Zusammentreffen der Russen und Ukrainer war nicht immer konfliktfrei. Diese Gegensätze werden ausführlich im Buch “Tschernobyl” des Historikers Serhiy Plokhy* beschrieben, das zu den besten Werken über das Reaktorunglück gehört. Dennoch schafften es die Bautrupps das Kraftwerk und die angrenzende Stadt Prypjat planmäßig fertigzustellen.

Kontrollzentrum Reaktor 1 Tschernobyl Atomkraftwerk
Das Kontrollzentrum von Reaktor 1 ist baugleich zu dem des Reaktor 4 der verunglückt ist. Foto: Martin Kaule

Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl

Durch die bauartbedingten Nachteile des Reaktordesigns der RBMK-Reaktoren blieb es bis 1986 bei 17 in Dienst gestellten Reaktoren in der Sowjetunion, 4 davon in Tschernobyl. In Hochzeiten arbeiteten in allen 4 Blöcken des Kernkraftwerks Tschernobyl bis zu 9000 Menschen. Da die Blöcke 1, 2 und 3 auch nach der Katastrophe wieder ans Netz gingen, sank die Zahl der Beschäftigten nur langsam.

Erst am 15.12.2000 endete der kommerzielle Betrieb des Kraftwerks mit der Abschaltung von Block 3. Seitdem sind noch immer etwa 2000 Menschen mit Überwachungs-, Wartungs- oder Rückbauarbeiten vor Ort beschäftigt. Die Arbeiter pendeln täglich zwischen ihrem Wohnort (Slawutytsch) und dem Kraftwerk oder nächtigen in der Siedlung Tschornobyl, die außerhalb der 10-Kilometer- Zone liegt.

Mosaik in Prypjat in der Sperrzone Tschernobyl
Das Leben in Prypjat verlief für eine sowjetische Stadt weitestgehend normal. Foto: Martin Kaule

Leben in Prypjat

Unweit des Atomkraftwerks Tschernobyl wurde ab 1970 die Stadt Prypjat aufgebaut. Wie in anderen Bauprojekten der Zeit erfolgte die Errichtung vornehmlich in Blockbauweise, also aus vorgefertigten Betonplatten oder wie in den Fällen der öffentlichen Bauten in Stahlskelettbauweise. Dafür wurde eigens ein Betonplattenwerk in der Stadt errichtet. Prypjat konnte seine Bewohner alle Annehmlichkeiten der damaligen Zeit bieten: Kulturhäuser, ein Kino, Schwimmhallen, ein Kaufhaus und ein großes Fußball- bzw. Sportstadion, sollte 1986 eröffnet werden.

Und schließlich hatten alle Wohnungen modernen Komfort mit Innentoiletten, Warmwasser und praktisch keinen Stromausfällen – zur damaligen Zeit in der Sowjetunion keine Selbstverständlichkeit. Die gut bezahlten Arbeitsplätze im Kraftwerk und eine Wohnung in Prypjat waren daher extrem begehrt. Am 26. April 1986, dem Tag des Unglücks, wohnten etwa 50.000 Menschen in der Stadt Prypjat, darunter ca. 15.000 Kinder. Mit Fertigstellung der Blöcke 5 und 6 sollte die Einwohnerschaft noch einmal um ca. 30.000 Personen ansteigen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Tschernobyl Sperrzone
Einer der intakten Reaktorblöcke in Tschernobyl: die Halle von Reaktor 4 wurde komplett zerstört. Foto: Martin Kaule

Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl

Auch wenn die Sicherheitssysteme und Hilfsanlagen der ersten beiden Generationen der RBMK-Reaktoren theoretisch immer weiter verbessert wurden, kam es durch einen Bedien- und Konstruktionsfehler bei einem Test in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 zu einer verheerenden Kernschmelze. Um die Kernreaktion zu stoppen wurden die Brennstäbe mit Graphitspitzen in den Reaktor eingefahren. Doch statt die Reaktion zu bremsen, geriet diese völlig außer Kontrolle. Der Reaktorkern explodierte und zerstörte die umliegenden Anlagen nahezu vollständig. Das Unglück gilt bis dato als größter Atomunfall der Geschichte.

Atomenergie Tschernobyl
Das Zeichen der Verheißung günstiger Energie wurde zum Fluch. Foto: Martin Kaule

Die unmittelbaren Folgen der Reaktorkatastrophe

Die Reaktorkatastrophe hatte weitreichende Folgen. Dazu zählten sowohl die unmittelbaren Folgen, wie eine riesige Aufräumaktion, als auch Langzeitfolgen, wie die Krebserkrankungen viele Anwohner der Region. Historiker gehen sogar davon aus, dass die Beseitigung der Schäden und die Hilfen für die Geschädigten erheblich zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen haben.

Aufräumaktion

Die Schäden an Block 4 und in der Umgebung wurden in den folgenden Jahren (bzw. Jahrzehnten) versucht zu beseitigen, das umliegende Gebiet wurde in eine gesperrte Zone eingeteilt. Einige Areale werden noch Jahrzehnte so stark kontaminiert bleiben, dass eine Besiedlung und Nutzung dort nicht zu erwarten ist. Schätzungen gehen davon aus, dass die Sperrzone frühestens in ein paar tausend Jahren wieder bewohnbar sein wird. Die landwirtschaftlichen Flächen sind ebenfalls unbrauchbar.

Prypjat Schwimmhalle
Die Schwimmhalle von Prypjat wurde zwar noch bis in die 1990er-Jahre von Arbeitern genutzt, ist aber heute ebenfalls verfallen. Foto: Martin Kaule

Evakuierung

36 Stunden nach dem Reaktorunfall wurde die Stadt Prypjat binnen zweieinhalb Stunden mit mehr als 1000 Bussen vollständig evakuiert. Da man zunächst von einer 3-tägigen Abwesenheit ausging, hatten die Bewohner nur die nötigsten Dinge dabei. Auch wenn in der Stadt umfangreiche Dekontaminierungsmaßnahmen umgesetzt wurden, wurde eine Rückkehr in die Stadt nicht gestattet und Prypjat letztendlich aufgegeben.

Einige Gebäude wie die Schwimmhalle, erfuhren in der Zeit der Koordinierung der Dekontamination der verstrahlten Zone eine kurzzeitige Nachnutzung. Wenige Tage nach der Evakuierung sollte ursprünglich ein Freizeitpark zu Ehren des 1. Mai eröffnet werden, dazu ist es nie gekommen. Seitdem stellt das Ensemble mit Riesenrad und weiteren Fahrgeschäften ein eindrückliches Mahnmal für die immanenten Gefahren der zivilen Nutzung der Atomkraft dar.

Einrichtung der Sperrzone Tschernobyl

Die sowjetischen Behörden legten fest, dass die Sperrzone um den verunglückten Reaktor 30 Kilometer umfassen sollte. 2.600 Quadratkilometer wurden dadurch gesperrt. Eine Fläche so groß wie das Saarland oder Luxemburg. Prypjat wurde bereits 36 Stunden nach dem Unglück evakuiert. Am 2. Mai 1986, eine Woche nach der Explosion des Blocks 4 des Kraftwerks, wurden die letzten der noch verbliebenen Familien in Busse gesetzt und in weiter entfernte Orte verbracht. Alle Einwohner dieser Zone wurden umgesiedelt. Das betraf mehr als 116.000 Menschen.

Erst Jahre später erhielten viele von ihnen eine neue Heimat in Slawutytsch. Die Lage des Ortes Tschornobyl außerhalb der strenger abgeschirmten 10-Kilometer-Zone, wozu Prypjat gehört, führte dazu, dass dort viele Gebäude saniert wurden. Heute leben hier offiziell nur zeitweise Arbeiter und Beschäftigte des Kernkraftwerks, Angehörige der Polizei und Feuerwehr sowie weitere für den Unterhalt und die Sicherheit des Kraftwerks notwendige Arbeiter. Waldbrände oder widrige Wetterbedingungen stellen auch heute noch eine große Gefahr für die Sicherheit in der gesperrten Zone dar.

Abschaltung der verbliebenen Reaktoren

Kaum zu glauben, aber die sowjetische Regierung fuhr nach dem Unglück in Reaktor 4 und nach dem Abschluss der folgenden Aufräumaktion die Reaktoren 1, 2 und 3 wieder hoch. Die Sowjets gingen davon aus, dass die Strahlenbelastung für die Mitarbeiter nicht so hoch sein würde. Erst als die Europäische Union der Ukraine 1995 ein konkretes Unterstützungsangebot zur Abschaltung der Reaktoren gemacht hatte, wurde die verblieben drei Reaktoren bis zum Juni 2000 nach und nach vom Netz genommen. Seitdem gibt es in der Ukraine keine laufenden Reaktoren des Typs RBMK mehr.

Schutzhülle des Reaktor 4 in der Tschernobyl Sperrzone
Blick von der Bauruine des Reaktors 5 auf die neue Schutzhülle des Reaktors 4. Foto: Martin Kaule

Bau einer Schutzhülle für den verunglückten Reaktor

Bereits in den Monaten nach dem Reaktorunglück wurde eine erste Schutzhülle für den zerstörten Block 4 gebaut. Dieser sollte einen provisorischen Schutz für das Gebäude bieten, damit keine weiteren Partikel aus dem Unglücksreaktor in die Umwelt gelangen konnten. Experten schätzen, dass noch 150 bis 180 Tonnen hochradioaktives Material im Reaktor stecken. Da auch diese Schutzhülle über die Jahre immer brüchiger wurde, musste eine neue Lösung her.

Von 2010 bis 2016 wurde eine neue Schutzhülle für den Reaktor gebaut, die zunächst daneben entstand und dann auf Gleisen über den alten Sarkophag geschoben wurde. Seit 2019 ist sie offiziell in Betrieb und ziert bereits viele Fotos von Besuchern der Sperrzone Tschernobyl. Sie soll die Umgebung mindestens 100 Jahre vor der Strahlung aus dem Reaktor schützen.

Bauruine Reaktor 5 und 6 in der Sperrzone Tschernobyl
Der Bau der Reaktoren 5 und 6 in der Sperrzone Tschernobyl wurde nicht vollendet. Foto: Martin Kaule

Baustopp für die Blöcke 5 und 6 sowie weitere Atomkraftwerke

Als eine der wichtigsten Folgen des Reaktorunglücks von Tschernobyl gilt, dass der Bau weiterer Atomkraftwerke gestoppt wurde. Auch in Tschernobyl selbst sollten noch zwei weitere Reaktoren entstehen. Die Bauruine für Reaktor 5 kann heute ebenfalls besichtigt werden. Block 5 war beinahe fertiggestellt und sollte bereits im Herbst 1986 in Betrieb gehen. Block 6 war zur Hälfte fertiggestellt. Der Bau wurde zwar zunächst weiter vorangetrieben musste jedoch 1988 wegen zu hoher Strahlung abgebrochen werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Pläne zum Weiterbau von der ukrainischen Regierung endgültig aufgegeben.

Ursprünglich sollten auf dem Gebiet der Sowjetunion 26 RBMK-Reaktoren errichtet werden. Doch die Tschernobyl-Katastrophe stoppte nicht nur den Bau der zwei weiteren Blöcke am Standort selbst, sondern auch alle weiteren Bauprojekte wurden ab Ende der 1980er Jahre eingestellt. So wurde auch in der Ukraine das Projekt für ein Atomkraftwerk bei Odesa sowie ein weiteres auf der Krym komplett aufgegeben. In Russland laufen die RBMK-Reaktoren bis heute weiter. Die Abschaltung des letzten RBMK-Reaktors ist erst für 2034 geplant.

Sehenswürdigkeiten in der Tschernobyl Sperrzone

Bei den meisten Besuchen der Tschernobyl Sperrzone fahren die Touren zu unterschiedlichen Orten. Oft hängt es auch von den Wünschen der Teilnehmer und von den Möglichkeiten ab, da mitunter Ministerbesuche anstehen oder es kurz zuvor einen Vorfall gab, woraufhin die Touren der Situation entsprechend geändert werden. Damit ihr die besten Spots für euch seht, ist es daher praktisch, wenn ihr die besten Sehenswürdigkeiten in der Sperrzone Tschernobyl schon vorher kennt. Wir haben sie deshalb schon mal für euch gelistet.

Fenster Reaktor Tschernobyl
Corridor mit Blick auf den Reaktor Tschernobyl. Foto: Martin Kaule

Ruine von Reaktor 4 und Sarkophag

Der Reaktor 4 ist die wichtigste Sehenswürdigkeit in der Sperrzone von Tschernobyl. Hier geschah das Unglück über das die Welt besonders seit der Ausstrahlung der HBO-Serie Chernobyl wieder mehr weiß. Das Reaktorgebäude selbst liegt innerhalb der Schutzhülle. Besonders mutige Besucher können jedoch auf speziellen Touren das Kontrollzentrum von Reaktor 4 besuchen. Dies ist der Originalschauplatz, an dem sich viele der verhängnisvollen Entscheidungen, wie die des Chefingenieurs Anatoli Diatlow abspielten. Hier lag auch der berühmte Notfallknopf AS-5 dessen Auslösung zur Explosion führte. Wem das zu unheimlich ist, der kann auch die Kontrollräume des Reaktor 1 besuchen, der baugleich und in wesentlich besserem Zustand ist.

Neuer Sarkophag des Reaktors in der Sperrzone Tschernobyl
Ein Foto vor der Schutzhülle des Reaktors in Tschernobyl gehört zu den Must-Do in der Sperrzone Tschernobyl. Foto: Peter Althaus

Auf jeder Tagestour gibt es einen Stopp am Denkmal vor dem Reaktor 4. Hier könnt ihr Fotos auch vor dem Hintergrund der neuen Schutzhülle machen und erhaltet viele Informationen rund um das Reaktorunglück.
Ruinen Reaktor 5 und 6 mit Kühlteich

Da der Bau von Reaktor 5 und 6 abgebrochen wurde, stehen die Bauruinen der Blöcke bis heute wie im damaligen Zustand an Ort und Stelle. Besonders der Kühlturm des Blocks 5 ist beeindruckend und bietet euch interessante Einblicke. Die Baukräne haben schon lange nichts mehr bewegt und zeigen auch, dass die Regierung der Sowjetunion durchaus noch plante, den Reaktor fertig zu bauen.

Blick auf die Geisterstadt Prypjat in der Tschernobyl Sperrzone
Heute ist Prypjat nur noch eine Geisterstadt. Bis zum Reaktorunglück zählte die Stadt 50.000 Einwohner. Foto: Martin Kaule

Geisterstadt Prypjat

Ein Besuch der heutigen Geisterstadt Prypjat ist ein beeindruckendes Erlebnis. Seit mehr als 30 Jahren stehen die Gebäude leer und die Natur erobert sich Stück für Stück die bebauten Flächen zurück. Fast 50.000 Menschen lebten hier am Tag des Reaktorunfalls. Heute ist Prypjat eine Geisterstadt. Je nach gebuchter Tour finden nur kurze Stippvisiten oder längere Aufenthalte hier statt. Aber Vorsicht! Das Betreten der Gebäude ist nicht gestattet. Die Guides der Tourfirmen sollen zwar niemand in die Gebäude lassen, doch de facto sind viele Gäste in den Gebäuden unterwegs.

Ortseingangsschild Prypjat
Das modernistische Eingangsschild zur Atomstadt Prypjat ist eine Ikone. Foto: Peter Althaus

Willkommensschild

Auf dem Weg in die Stadt Prypjat halten alle Touristenbusse am Ortseingangsschild der Stadt Prypjat. Das modernistische Schild, das das Gründungsjahr 1970 und den Namen der Stadt zeigt, ist das ultimative Souvenirfoto für alle Besucher der Zone.

Emblem der KPdSU in Prypjat
Auf einem der Hochhäuser von Prypjat prangt bis heute das Emblem der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Foto: Peter Althaus

Hochhäuser in Prypjat

Am schönsten bei einem Besuch in Prypjat ist der Blick von den Balkonen und Dächern eines der Hochhäuser. Bis zu 16 Stockwerke ragen die Gebäude in den Himmel über der Geisterstadt. Eines davon trägt bis heute ein riesiges Emblem der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Von hier könnt ihr direkt auf den Reaktor schauen, der nur fünf Kilometer von der Stadt entfernt steht.

Kulturpalast Energetik in der Sperrzone Tschernobyl
Der Kulturpalast Energetik war der zentrale Veranstaltungsort in Prypjat. Foto: Peter Althaus

Kulturpalast Energetik und Hotel Polissya

Am Zentralen Platz der Stadt steht der Kulturpalast Energetik, der als Veranstaltungshaus für die Arbeiter und Bewohner der Stadt gebaut wurde. Hier fanden alle möglichen Kulturveranstaltungen statt. Der Bogen, der sich zwischen dem Kulturpalast und dem Hotel Pollisya spannt, ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt.

SB-Supermarkt

Ebenfalls am Zentralen Platz steht der einstige Supermarkt von Prypjat. Solche Einrichtungen gab es selbst in den 1980er-Jahren in der Sowjetunion nur selten. Hier konnten die Bewohner sich selbst in den Regalen bedienen und beim herausgehen bezahlen. In der Sowjetunion, wo man meist in Läden mit einer Theke einkaufte, war dies ein echtes Novum. Dass es in Prypjat einen Supermarkt gab, zeigt auch, welchen Stellenwert die Stadt mit ihrem Atomkraftwerk hatte.

Riesenrad im Vergnügungspark von Prypjat in der Sperrzone Tschernobyl
Der Vergnügungspark in Prypjat sollte am 1. Mai 1986 eröffnet werden. Er gehört zu den beliebtesten Tschernobyl Sehenswürdigkeiten. Das Riesenrad ist jedoch hochgradig verstrahlt. Foto: Martin Kaule

Vergnügungspark

Ein weiteres Symbol für Prypjat ist der Vergnügungspark mit dem Riesenrad, einem Autoscooter und anderen kleinen Karussellen. Er ist einer der tragischsten Schauplätze der Nuklearkatastrophe und ihrer Folgen, denn eröffnet werden sollte der Rummel am 1. Mai 1986. Er ging also nie in Betrieb und kein Kind ist jemals offiziell auf dem Riesenrad gefahren. Vorsicht hier auch: Die Gondeln des Riesenrades sind hochgradig verstrahlt.

Stadion Avangard Prypjat
Auch im Stadion Avangard wurden nie Spiele ausgetragen. Foto: Martin Kaule

Stadion Avangard

Neben dem Vergnügungsparlk sollte auch das Stadion Avangard am 1. Mai 1986 öffnen. Hier sollten folglich Spiele des Prypjater Fußballclubs FK Budivelnik (Russ. Stroitel) Prypjat stattfinden. Das erste Spiel vor bis zu 5.000 möglichen Zuschauern war für den 9. Mai 1986 gegen Schachtar Oleksandria geplant. Auch dazu kam es nicht. Heute ist die Rasenfläche ein kleines Waldstück und die Tribünen und Nebengebäude verfallen immer weiter.

Flusshafen Prypjat
Das frühere Schwimmdock wurde bereits flussabwärts getrieben. Foto: Peter Althaus

Flusshafen mit Schnellfähren

Um in die Republikshauptstadt nach Kyjiw zu kommen gab es bis zur Katastrophe von Tschernobyl neben Bus- und Bahnverbindungen sogar die Möglichkeit mit einem Schnellboot über die Flüsse Prypjat und Dnipro zu fahren. Die Fahrt dauerte ebenfalls zwei Stunden und pendelte zwischen den Flusshäfen von Kyjiw und Prypjat mit mehr als 60 Stundenkilometern. In Prypjat stiegen die Passagiere am Flusshafen aus, der heute zu den Anlaufpunkten auf den meisten Touren gehört. Von hier habt ihr auch einen schönen Blick auf den Frachthafen mit seinen Lastkränen.

Kindergärten und Schulen in Prypjat

Insgesamt gab es 20 Kindergärten und Schulen in Prypjat von denen bereits einige eingestürzt sind. Doch in manche der Schulen könnt ihr bei einer Tour hinein und euch die Unterrichtsräumen anschauen. In einigen Gebäuden gibt es noch Mobiliar und alte Lehrbücher zu sehen. In manchen hängen gar noch Schautafeln zur Ermahnung der Pioniere an der Wand.

Jupiter-Fabrik Tschernobyl
Garage der Jupiter-Fabrik: Hier wurden Bauteile von Tonbandrekordern hergestellt, vermutlich aber auch Militärtechnik. Foto: Peter Althaus

Jupiter-Fabrik

In der Jupiter-Fabrik wurden vor allem Komponenten für Kassettenrekorder hergestellt. Gerüchten nach sollen hier auch Bauteile für militärisches Gerät hergestellt worden sein. Nach dem Reaktorunfall und der Einrichtung der Sperrzone Tschernobyl wurde die Fabrik in viel kleinerem Rahmen für Tests von Dekontaminierungsmaßnahmen genutzt. Auf dem Fabrikgelände stehen zudem noch einige alte Fahrzeugwracks.

Tschernobyl Sperrzone Prypjat Feuerwehr
In dieser Feuerwehrstation arbeitete Wasyl Ignatenko, dem Helden aus der Fernsehserie Chernobyl. Foto: Peter Althaus

Feuerwehrstation

In der Feuerwehrstation von Prypjat waren die Feuerwehrmänner angesiedelt, die unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe den Brand im Reaktor versuchten zu löschen. Viele der Feuerwehrmänner wurden dabei riesigen Strahlendosen ausgesetzt, die letztlich zu ihrem Tod führten.

Krankenhaus mit Schutzausrüstung

Viele der Verstrahlten, zu denen auch der aus der Tschernobyl-Serie bekannte Feuerwehrmann Wassil Ignatenko, der hier erstbehandelt wurde, bevor man ihn und fünf seiner Kameraden sowie weitere Opfer der radioaktiven Strahlung in eine Spezialklinik nach Moskau flog. Der Keller der Klinik wurde mittlerweile versiegelt, denn hier lagern Ausrüstungsgegenstände der Ersthelfer der Katastrophe, die von Touristen und den illegal in der Zone reisenden Stalkern immer wieder aufgesucht wurden.

Brücke des Todes

Eine weitere Sehenswürdigkeit aus der Serie ist die Brücke des Todes, die über die Eisenbahnstrecke führt. In der Serie Chernobyl wird gezeigt, wie Passanten von hier auf das Kraftwerk schauen, während aus der Ruine des Reaktors eine blaue Flamme aufsteigt. Es wird behauptet, dass dadurch viele Menschen hochgradig verstrahlt wurden und daraufhin an der Strahlenkrankheit gestorben sein sollen. Diese Berichte sind jedoch nicht belegt. Dennoch ist die Brücke ein berühmtes Fotomotiv.

Engel von Tschernobyl
Der Engel von Tschernobyl ist zum Symbol für die Stadt geworden. Foto: Peter Althaus

Stadt Tschornobyl

Nicht selten werden die beiden Städte Tschornobyl und Prypjat miteinander verwechselt. Schließlich erhielt das Kraftwerk den Namen der bereits bestehenden Stadt. Prypjat, das aber die eigentliche Siedlung für die Kraftwerksmitarbeiter und ihre Familien war, liegt jedoch viel näher am Kraftwerk. Die Stadt Tschornobyl war jedoch schon vorher die Kreishauptstadt des Rajons Tschornobyl.

Auch sie liegt in der Sperrzone Tschernobyl, jedoch nicht in der 10-Kilometer-Zone, weshalb die Stadt bis heute von Arbeitern während ihrer Arbeitswochen bewohnt wird. In der Stadt wurden zudem auch einige Denkmäler errichtet und viele Gebäude werden weiterhin saniert, weswegen Tschornobyl nicht so eine Geisterstadt ist wie Prypjat.

Tschornobyl wurde erst am 2. Mai evakuiert, ist aber seitdem ebenfalls für reguläre Bewohner gesperrt. In der Stadt gibt es jedoch einige Sehenswürdigkeiten. Das Denkmal für Diejenigen, die die Welt gerettet haben erinnert an die Liquidatoren die die Region nach der Katastrophe gesäubert haben. Ein Friedhof der aufgegebenen Dörfer erinnert an all die kleinen Gemeinden, die wegen des Atomunfalls heute in der Sperrzone Tschernobyl liegen und damit unbewohnbar sind. Fast jeder Besuch führt zudem zur Kantine in der es typisch ukrainisches Kantinenessen während der Tagestour gibt.

Red Forest

Der sogenannte Rote Wald ist einer der verseuchtesten Orte in der Sperrzone Tschernobyl. Denn nach der Explosion im Reaktor und dem anschließenden Feuer wurden große Mengen radioaktive Teilchen mit dem Wind verteilt. Da der Wind gerade in die Richtung eines nahen Waldstückes zeigte wurde der Wald besonders stark verstrahlt. Auch heute noch ist dies deutlich spürbar, wenn bei einer Durchfahrt der nebenliegenden Straße plötzlich alle mitgebrachten Geigerzähler anfangen zu piepen. Experten raten von einem Aufenthalt im Red Forest dringend ab.

Fahrzeugwrack Tschernobyl Sperrzone
Fahrzeugwracks finden sich zwar überall in der Sperrzone Tschernobyl, die Technikfriedhöfe sind jedoch wegen der Strahlengefahr für Besucher gesperrt. Foto: Peter Althaus

Technikfriedhöfe

Viel der Technik, vor allem Feuerwehrfahrzeuge und Kräne und auch teure Roboter, die für die Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, mussten anschließend entsorgt werden. Das meiste davon wurde zu Schrottplätzen gebracht, die zum Teil in den dürftigen 1990er-Jahren geplündert wurden. Bis vor ein paar Jahren konnten Besucher noch zu den Technikfriedhöfen, mittlerweile hat die ukrainische Regierung sie jedoch wegen zu hoher Strahlenbelastung gesperrt.

Kopatschi Sperrzone Tschernobyl
Kindergarten in Kopatschi – alle Häuser wurden abgerissen, nur der Kindergarten und das Gemeindehaus stehen noch. Foto: Peter Althaus

Dörfer in der Tschernobyl Sperrzone

Dutzende Dörfer in der Sperrzone wurden wegen der Nuklearkatastrophe aufgegeben. Die meisten davon erhalten so gut wie keine Besucher. Die Ausnahme ist das Dorf Kopatschi das an der Strecke vom Checkpoint Dityatki am Eingang zur 30km-Zone liegt und dem Kraftwerk. Alle Häuser des Dorfes wurden nach der Einrichtung der Sperrzone abgerissen. Nur ein Kindergarten und ein Denkmal für die Soldaten des Zweiten Weltkriegs stehen noch. Sie sind bei den meisten Touren der erste Stopp auf dem Weg zum Kraftwerk.

Duga Radar Tschernobyl Sperrzone
Das Überhorizontradar von Duga ist seit 1989 außer Betrieb. Foto: Peter Althaus

Duga-Radar mit Station

Die Radarstation Duga, auch als Woodpecker oder Specht bekannt, liegt mitten im Wald, etwa 10 Kilometer (6 Meilen) südlich des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die riesige Antenne ist ein Überhorizontradar mit dem die Sowjets im Falle eines eingehenden nuklearen Angriffs die Raketen entdecken wollten, um so umgehend einen Vergeltungsschlag durchführen zu können. Die bis zu 150 Meter hohen Antennen stehen bis heute und bei Besuchen in der Sperrzone Tschernobyl ist ein Stopp hier ein Muss.

Tschernobyl Sperrzone
Gebäude der Kraftwerksverwaltung in Prypjat in der Tschernobyl Sperrzone. Foto: Martin Kaule

FAQ zur Tschernobyl Sperrzone

Ein Besuch in der Sperrzone ist nur über geführte Touren möglich. Dennoch wollen wir euch hier einige der wichtigsten Fragen rund um einen Besuch im Sperrgebiet erklären.

Kann man Tschernobyl besuchen?

Die gesperrte Zone rund um Tschernobyl kann auf festgelegten Routen mit einem lizenzierten Guide besichtigt werden. Unterschiedliche Varianten führen etwa in die verlassene Geisterstadt Prypjat, über das Gelände des riesigen DUGA-Radar oder durch die Stadt Tschornobyl selbst.

Ist ein Besuch in Tschernobyl sicher?

Beim Eintritt in die 30-Kilometer-Zone werdet ihr über alle Verhaltensregeln informiert. Darunter fallen etwa: innerhalb der Zone darf nichts berührt, ausgebuddelt oder aufgehoben werden. Bei der Einhaltung dieser Regeln ist ein Besuch der gesperrten Zone sicher.

Wie in die Ukraine reisen?

Mehrere Airlines fliegen nach einem regelmäßigen Flugplan von unterschiedlichen deutschen Flughäfen in die Ukraine. Daneben sind Lemberg und Kyjiw auch mit einem Linienbus zu erreichen.

Wie nach Tschernobyl reisen?

In Kyjiw haben sich zahlreiche Unternehmen auf einen Besuch der gesperrten Zone mit Touristen spezialisiert haben. Der in Berlin ansässiger Reiseveranstalter Tschernobyl entdecken! organisiert seit mehr als 10 Jahren Tages- und Mehrtagesreisen in die gesperrte Zone.

Kann man Tschernobyl ohne Guide besuchen?

Ein Besuch der gesperrten Zone ist nur mit einem lizenzierten Guide möglich. Es gibt zwar sogenannte Stalker, die die Zone illegal besuchen. Das wird jedoch seitens der Behörden bestraft und ist zudem gefährlich, da es in der Sperrzone weiterhin stark verstrahlte Gebiete gibt.

Kosten einer Tschernobyl Tour

Die Kosten für eine Exkursion in die gesperrte Zone variieren je nach der organisierten Gruppengröße des Veranstalters. Tagestouren beginnen bei 99 Euro pro Person und 2-Tagestouren liegen bei 279 Euro Je kleiner die Gruppe, desto höher das Erlebnis aber auch der jeweilige Reisepreis.

Wie lange in Tschernobyl bleiben?

Für einen ersten Eindruck genügt eine Tagesexkursion in die gesperrte Zone. Für Fans von Lostplaces die möglichst viel entdecken und fotografieren wollen, sollten mindestens zwei Tage eingeplant werden.

Strahlung in der Sperrzone Tschernobyl
Teile der Tschernobyl Sperrzone sind bis heute hochgradig verstrahlt. Foto: Peter Althaus

Brauche ich einen Geigerzähler?

Bei fast allen Veranstaltern kann ein persönlicher Geigerzähler optional zu den Tourkosten dazu gebucht werden. Für einen Besuch ist er nicht notwendig. Dennoch ist es interessant zu sehen, wie hoch die Strahlung an manchen der Orte in der Sperrzone Tschernobyl ist.

Wie in Tschernobyl kleiden?

Sommer wie Winter darf die gesperrte Zone nur mit langer Kleidung besichtigt werden. Da ihr euch während der Tour viel außerhalb der Fahrzeuge aufhalten werdet, solltet ihr immer auf einen Wetterwechsel eingestellt sein. Falls ihr die Zone im Winter besucht, bedenkt, dass die Temperaturen von November bis in den April bis zu -25 Grad sinken können. Zieht euch also besonders warm an in diesen Monaten und schaut auf den Wetterbericht.

Leben in, um und mit Tschernobyl heute

Der Reaktorunfall hat das Leben vieler Hunderttausender Menschen bleibend verändert. Die ganze heutige Sperrzone Tschernobyl wurde entvölkert. Nur wenige Menschen kehrten illegal zurück. Und auch die, die nur kurz in der Sperrzone waren, leiden zum Teil bis heute noch darunter.

Die illegalen Rückkehrer – Die Babuschkas von Tschernobyl

Über 110.000 Menschen musste durch das Reaktorunglück ihre Heimat verlassen. Und auch wenn die Stadt Prypjat erst 1970 gegründet worden war, so gab es in der Umgebung über 100 Dörfer, die ebenfalls evakuiert wurden. Hier lebten viele Menschen, die ihr ganzes Leben in dieser Region verbracht hatten. Nicht wenige fanden sich in ihren neuen Wohnungen, so sie denn überhaupt welche vom sowjetischen Staat zugewiesen bekamen, nicht zurecht. Daher kehrten mit der Zeit immer mehr von den einstigen Bewohnern in die Sperrzone Tschernobyl zurück.

Heute sollen mindestens wieder um die 600 Personen dauerhaft in der Sperrzone leben. Da es meist alte Menschen sind, die nicht weg wollen, werden sie von den ukrainischen und belarusischen Behörden toleriert. Einige der Bewohner haben sogar ein wenig Berühmtheit erlangt. Die sogenannten Tschernobyl Babuschkas (eigentlich Tschornobyl Babtsias) wurden für eine Dokumentation begleitet. Auch der Youtuber Bald and Bankrupt erlangte einige Bekanntheit, weil er einige der Rückkehrer im belarusischen Teil der Sperrzone besuchte.

Die Liquidatoren – Helfer in der Not

Die Liquidatoren waren die Helden der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Sie räumten nach dem Unfall auf und beseitigen viele der akuten Schäden, oft unter Einsatz ihres Lebens. Zu den bekanntesten Liquidatoren gehören vor allem die Soldaten und andere, die auf das Dach des Reaktors stiegen, um den Schutt herunter zu schieben. Sie durften nur 40 Sekunden dort verbringen, um nicht zu stark verstrahlt zu werden. Doch auch Feuerwehrleute, Mitarbeiter des Zivilschutzes und medizinisches Personal gehören dazu. Sie beseitigten die Schäden am Kraftwerk, bauten die erste Schutzhülle, reinigten Straßen und trugen Erde ab.

Schätzungen der WHO zufolge gab es bis zu 800.000 Liquidatoren aus allen Sowjetrepubliken. Einige von ihnen sind in Organisationen vereint, die sich um das Gedenken an die Atomkatastrophe bemühen oder wie in Lemberg kleine Tschernobyl-Museen verwalten. In einigen Staaten erhalten sie eine geringe zusätzliche Rente für ihren damaligen Einsatz.

Tschernobyl-Kinder – Urlaube im Westen als Ausgleich für viele Krankheiten

Es ist bis heute unklar, wie viele Menschen unter den von der Radioaktivität verursachten Krankheiten gelitten haben und weiter leiden. Besonders Kinder aus der Region waren und sind aber statistisch viel häufiger krank als ihre Altersgenossen anderswo. Daher kümmerten sich seit den 1990er Jahren einige Vereine um die “Tschernobyl-Kinder” die dann oft in Ferienlager und zu Besuchen sogar in westeuropäische Länder fahren durften. Die Vereine helfen bis heute bei der Finanzierung von Medikamenten und anderen Folgeschäden der Katastrophe.

Slawutytsch – Gebaut als Ersatz für Pripyat außerhalb der Sperrzone Tschernobyl

Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurde im Eiltempo eine neue, 50 Kilometer entfernte Stadt für die Beschäftigten des Kraftwerks errichtet. Slawutytsch liegt außerhalb der verstrahlten Zone und gilt als jüngste Stadtgründung der Ukraine. Bevor die Häuser errichtet werden konnten, schichtete man bis zu zwei Meter neuen Boden auf. Die Stadt selbst besteht aus mehreren Stadtvierteln. Jedes Viertel besitzt seinen eigenen Stil, da die am Bau beteiligten Arbeiter und Architekten aus acht ehemaligen Sowjetrepubliken wie Armenien, Aserbaidschan, Estland, Georgien, Lettland, Litauen, der Ukraine und Russland kamen.

Im Vergleich mit anderen Städten der Ukraine zeichnet sich Slawutytsch durch eine moderne Architektur und ein ansprechendes Wohnumfeld aus. Auch wenn der Betreiber des Kraftwerks noch immer das soziale und kulturelle Leben der Stadt subventioniert, hat die Stadt mit einer hohen Abwanderung zu kämpfen. Mit der weiteren Reduzierung der Beschäftigten des Kraftwerks ziehen die einstigen Bewohner nun aus wirtschaftlichen Gründen in andere Regionen des Landes. Doch auch als Tourist ist ein Besuch von “Neu-Prypjat” sehr zu empfehlen.

Tschernobyl Buchtipps

Neben den vielen Dokumentationen und Fernsehserien gibt es hervorragende Bücher über die Sperrzone Tschernobyl, die euch einen tiefen Einblick in die Geschichte und die Ursachen des Nukleardesasters geben, genau wie auch einen tollen Überblick über die dortigen Tschernobyl Sehenswürdigkeiten. Martin Kaule, Co-Autor dieses Beitrags hat gerade zusammen mit anderen Fotografen ein neues Buch über die Sperrzone veröffentlich. Der Bildband mit vielen Erklärungen gibt euch einen guten Überblick.

Für mich ist das Buch von Serhii Plokhy das bisher beste Buch zu Tschernobyl. Es beschreibt viele Details der Atomkatastrophe und besonders für die Leser, die auch die Serie gesehen haben, ergänzt es viele der dort mitunter sehr wahrheitsgetreu wiedergegebenen Details noch weiter. Leider ist das Buch bisher nur auf Englisch erschienen. Ich freue mich auf eine deutsche Übersetzung.

Swetlana Alexijewitsch sprach mit Menschen, für die die Katastrophe zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde: mit kranken und sterbenden Soldaten, mit den Witwen von Liquidatoren, mit Müttern und Kindern, hochdekorierten Wissenschaftlern und mit Bauern. Das Ergebnis sind eindringliche psychologische Porträts, literarische Monologe, die von Menschen erzählen, die ihre Zukunft in einer Welt der Toten aufbauen mussten.

Der Atomunfall von Tschernobyl ist einer der kollektiven Albträume der Welt und war lange Zeit unklar. Adam Higginbotham befragte Augenzeugen und sprach mit denjenigen, die früher an dem Projekt gearbeitet hatten und durchforstete Archive nach bisher unveröffentlichten Briefen und Dokumenten, um zu verstehen, wie es zu dieser Katastrophe kam.

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Martin Kaule ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert er zeitgeschichtliche Erinnerungsorte und schreibt darüber. Seit 2015 organisiert er Tagesexkursionen und Reisen zu außergewöhnlichen Orten in Europa.

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