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Deutsche in Aserbaidschan – Deutsche Spuren im Kaukasus

Inhaltsverzeichnis

Die idyllische Stadt Gəncə im Nordwesten Aserbaidschans eignet sich gut als Ausgangspunkt für den Besuch der ehemaligen deutschen Kolonien im Kaukasus. Die zweitgrößte Stadt des Landes war im Mittelalter nicht nur ein Kultur- und Handelszentrum, sondern auch die Heimat des aserbaidschanischen Nationaldichters Nizami und ein wichtiger Anziehungspunkt für Deutsche in Aserbaidschan. Von Baku aus fährt ein Nachtzug nach Gəncə. Die Gegend ist also gut zu erreichen und wir wollen euch hier die Geschichte der Deutschen in Aserbaidschan vorstellen, ein in Deutschland nahezu unbekanntes Kapitel.

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Ein typisches Haus der Kaukasus-Schwaben in Göygöl (Foto: Azerbaijan Tourism Board)

Die Kaukasus-Schwaben

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgten schwäbische Pietisten, die in ihrer Heimat unter Plünderungen, Steuererhöhungen und Einberufungen zum Militär zu leiden hatten, der Einladung des russischen Zaren, der die im Südkaukasus gerade erst eroberten Gebiete bevölkern wollte. Nach dessen Weltverständnis waren christliche Siedler arbeitsam, ordnungsliebend und loyal. Der Zar bot die Vergabe von Landparzellen, freie Religionsausübung, Befreiung von der Wehrpflicht und finanzielle Hilfe. Mit Schiffen wurden die Neusiedler die Donau hinuntergefahren. Einige verblieben in der Schwarzmeerregion um Odessa, andere wanderten unter großen Mühen weiter nach Transkaukasien und ließen sich in Georgien und Aserbaidschan nieder. Im Jahr 1818 erreichten die ersten zehn Trecks mit je 50 Familien den Südkaukasus.

Helenendorf

Das Zentrum der Neuansiedlung in Aserbaidschan wurde das malerisch mit Blick auf die Berge (unser Titelbild zeigt den Berg Kapaz südlich von Gəncə) gelegene Helenendorf in der Nähe von Gəncə. Das bekannteste der deutschen Dörfer im Südkaukasus hieß von 1938 bis 2008 Xanlar und wurde dann nach Göygöl, dem gleichnamigen Berg- bzw. Himmelssee in der Umgebung umbenannt.

Deutsche in Aserbaidschan Annenfeld
Historische Aufnahme von Annenfeld

Ein entbehrungsreiches Leben

Mit Holzveranden ausgestaltete Spitzgiebelhäuser und große Gärten mit Obstbäumen lassen auf ein beschauliches Leben in der neuen Heimat schließen. Allerdings hatten die Neusiedler mit Epidemien und Dürren zu kämpfen und mussten sich viel gefallen lassen, um wirtschaftlich voranzukommen. Zunächst zeitigten die Seidenraupenzucht, sowie der Tabak- und Reisanbau keinen Erfolg. Neben der Landwirtschaft konzentrierten sich die eigens nach ihren beruflichen Fähigkeiten ausgewählten Auswanderer daraufhin auf den Anbau von Weinreben und etablierten so die Weinproduktion in Aserbaidschan.

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Alte deutsche Kirche in Annenfeld, dem heutigen Şəmkir (Foto: Azerbaijan Tourism Board)

Chancen für Deutsche in Aserbaidschan

Im Jahr 1850 lebten fast 600 deutschstämmige Familien im Südkaukasus. Der Russisch-Türkische Krieg Ende des 19. Jahrhunderts, die Erdölförderung im großen Stil und der Ausbau der Eisenbahn eröffneten neue Absatzmöglichkeiten für Obst und Wein, aber auch für Seife, Mehl, Metallwerkzeuge, Weinfässer und Planwagen. Handwerk und Gewerbe brachten zusätzliche Einnahmen, die Kolonistensiedlungen Helenendorf und das nur wenige Kilometer entfernte Annenfeld (heute Şəmkir), aber auch kleinere Dorfschaften im Umkreis prosperierten. 1908 zählte Helenendorf 2400 Einwohner und hatte 1915 als erstes Dorf im Kaukasus elektrischen Strom, der den Einsatz von Motoren und Maschinen möglich machte. 1917 gab es dort bereits eine komplette Wasserversorgung und Telefon!

Deutscher Wein aus dem Kaukasus

In Helenendorf produzierten die beiden dort gegründeten Unternehmen „Hummel“ und „Vohrer“ vor dem Ersten Weltkrieg jährlich ca. 12 Mio. Liter Wein und hatten ein Quasi-Monopol errichtet. Die Gebrüder Hummel handelten im Russischen Reich außerdem mit Obstschnaps und Kognak. Die in Teilen aus dem Vermögen der Unternehmen „Hummel“ und „Vohrer“ gegründete Winzergenossenschaft „Konkordija“ war einer der profitabelsten Betriebe des Landes und hatte 160 Verkaufsstellen. Das prosperierende Unternehmen „Gebrüder Vohrer“ übernahmen die vier Söhne des Gründers Christopher Vohrer im Jahr 1892. Mit elaborierter Qualitätsüberwachung, dreistöckigen Weinkellern, modernster Technik und eigenem Bahnanschluss führten sie den Betrieb in die Zukunft und eröffneten Brauereien, Biergärten und Kegelbahnen. Später bauten sie auf den riesigen Ländereien Baumwolle an, errichteten ein Gestüt und betrieben Viehzucht.

Enteignung und Verbannung

Nach der Oktoberrevolution und der Machtübernahme der Bolschewiki gerieten die Deutschen zunehmend unter Druck. Schon in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre begann eine schleichende Enteignung der deutschen Dörfer, den Firmeninhabern unterstellte man nationalistische und sowjetfeindliche Aktivitäten. Die Produktionsstätten und Weinberge wurden in so gennannte Sowchosen überführt. Nachdem das Unternehmen „Konkordija“ 1935 gänzlich zerschlagen worden war, wurden rund 600 Familien nach Karelien zwangsdeportiert. Als im Sommer 1941 Hitler-Deutschland die Sowjetunion überfiel, kam es landesweit zur Verhaftung von zehntausenden Deutschen. Stalin ließ fast 50.000 Kaukasus-Deutsche deportieren, die mit Lkws nach Gəncə, mit der Eisenbahn nach Baku, dann mit dem Schiff über das Kaspische Meer nach Turkmenistan und von dort weiter bis nach Omsk in Sibirien oder nach Kasachstan verbracht wurden.

Dieses Haus in Annenfeld könnte in ähnlicher Form auch in Süddeutschland stehen (Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Asif Masimov, CC BY-SA 4.0)

Göygöl heute

Nach dem Tod von Viktor Klein, des „letzten Deutschen in Aserbaidschan“, wurde dessen ehemaliges Wohnhaus in der Helenenstraße in ein Museum umgewandelt (einen Bericht aus der Süddeutschen Zeitung zu Viktor Klein findet ihr hier). Sein Grab liegt auf dem Friedhof Xanlar an der Straße nach Gəncə. Klein selbst hatte Deutschland nie besucht. Im Jahr 2011 fand eine umfassende Restaurierung der ehemaligen Kolonistendörfer statt. In dem Atemzug wurde jedoch anscheinend die Farbpalette der Häuserfassaden reduziert. Auch sollen die neuen Holzpaneele anscheinend suggerieren, dass es sich bei den Giebelhäuschen um gutes deutsches Fachwerk handelt.

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Hübsch restauriert: die evangelische Johanniskirche in Göygöl (Foto: Azerbaijan Tourism Board)

In den malerischen, von Obstbäumen umstellten und mit üppigen Holzveranden ausgestatteten Wohnhäusern leben heute Einheimische. Oftmals stehen noch die Namen der früheren Besitzer über den Garagen und Toreinfahrten. Die Dörfer gelten bis heute als gelungenes Beispiel für das multikulturelle Aserbaidschan. Einige Weinkeller sind noch zu besichtigen, in der lokalen Weinfabrik gibt es einen kleinen Verkauf. Auch die 1845 erbaute und kürzlich sanierte evangelische St. Johannes-Kirche lohnt einen Besuch, sie fungiert jetzt als Museum. Alle 20 Minuten fährt von Gəncə eine Marschrutka (Minibus) nach Göygöl oder nach Şəmkir. Şəmkir hat heute 40.000 Einwohner und – natürlich – auch eine Kirche, die jedoch erst 1909 erbaut wurde. Im dortigen Heimatmuseum erinnern Fotos an das erst entbehrungsreiche und später angenehme Leben der Schwaben im Kaukasus.

Die Siemens-Brüder in Aserbaidschan

Neben der Elektrotechnik, die die Gebrüder Siemens ins Zarenreich geführt hatte, interessierten sie sich für die Kupferproduktion und später für die Ölförderung und -verarbeitung im Kaukasus. Südlich von Şəmkir liegt der Ort Gədəbəy, in dem die Brüder ihre Spuren hinterließen. Carl von Siemens erwarb 1864 eine Kupferlagerstätte und errichtete ein Bergwerk, in dem später sogar Silber und Gold gefördert werden konnten. Die Kupferverarbeitung deckte zeitweise ein Viertel des gesamten Kupferbedarfs Russlands.

Kobalt, Erz, Öl und Gold

Im rund 40 Kilometer entfernten Dashkasan nahmen sie ein Jahr später eine Kobaltgrube in Betrieb und errichteten ein Werk zum Abbau des Eisenerzes. Gədəbəy wurde die Heimat von 300 deutschen Familien, auch wenn der Ort schwer zugänglich in einem Bergmassiv lag. Als die Eisenbahnverbindung 1883 zwischen Tiflis und dem heutigen Gəncə und später bis nach Baku erschlossen wurde, eröffneten sich neue Möglichkeiten. 1885 gelang den Brüdern die Umrüstung ihres riesigen Schmelzofens auf Ölfeuerung.

1881 kontrollierten die Siemens-Brüder 270 Ölquellen im Kaukasus. Aber um den neuen Brennstoff (Naphta) in großem Stil zu befördern, war eine Rohrleitung erforderlich. Die Firma Mannesmann bot an, gewalzte Röhren zu liefern. Der Transport der Röhren per Bahn, Schiff und Fuhrwerk in das unwegsame Gelände entpuppte sich als schwieriges Unterfangen. Dennoch nahm 1894 die erste Naphtatrasse (Ölpipeline) Kaukasiens ihren Betrieb auf. Mannesmann produzierte fortan in Russland und belieferte von dort auch den Kaukasus mit seinen Röhren.

Das Landeskundliche Museum

Im landeskundlichen Museum in Gəncə finden sich Originaldokumente der Firma Siemens. In Gədəbəy könnt ihr im dortigen Kulturhaus eine Siemens-Ausstellung ist besuchen.

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Foto: Azerbaijan Tourism Board / Etibar Jafarov

Eine beeindruckende Brücke

Von Şəmkir aus fahren Busse nach Gədəbəy. Nach vier Kilometern erreicht man die historische Eisenbahnbrücke, die auch als Kulisse für die Verfilmung der aserbaidschanischen Liebesgeschichte von „Ali und Nino“ diente.

Buchtipps

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Nino und Ali ist der Klassiker der aserbaidschanischen Literatur und erzählt eine Liebesgeschichte am Vorabend der Russischen Revolution.

Sehr persönlicher Reisebericht, der Aserbaidschan aus der Sicht einer Deutschen vorstellt und von der Presse hochgelobt wurde.

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Heike Maria Johenning ist studierte Übersetzerin und Romanistin. Seit 1996 arbeitet sie als freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Sie hat zahlreiche Reise- und Architekturführer veröffentlich, die bei Reise Know-How und dom Publishers erschienen sind. In ihren Büchern beleuchtet sie ein im Westen nahezu unbekanntes Phänomen, den Jugendstil in Osteuropa. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Titel zur „Jugendstil-Architektur in Berlin“.

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