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Jiddisch

Jiddisch – Die vergessene europäische Sprache?

Inhaltsverzeichnis

Jiddisch ist heute eine Sprache, die man in der Welt nur noch selten hört und von der ihr vielleicht nur etwas mitbekommt, wenn ihr Orte mit einer bedeutenden jüdischen Gemeinde wie New York, Antwerpen oder Jerusalem besucht. Nichtsdestotrotz ist die Sprache nicht tot, obwohl die Shoah und die Migration neben anderen Faktoren die Zahl der Jiddischsprecher deutlich verringert haben. Aber es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, woher diese manchmal seltsam klingende Sprache kommt.

Jiddisch – ein Sprachpuzzle

Um zu verstehen, was Jiddisch ist, muss man zunächst einen Blick auf die Ursprünge der Sprache werfen. Der Klang der Sprache wird die meisten Deutschsprachigen glücklich machen, genauso wie diejenigen, die slawische Sprachen verstehen. Jiddisch entstand vor etwa tausend Jahren, als Juden, die sich in deutschsprachigen Ländereien niederließen, die Sprache ihrer Umgebung entlehnten und sie mit der Sprache, die sie sprachen, kombinierten. Als sie später in Richtung Osten wie zum Beispiel nach Krakau migrierten, bekam die Sprache eine slawische Komponente. Juden taten dies auch mit anderen Sprachen und anderen Umgebungen, zum Beispiel mit Ladino oder Judeo-Arabisch.

Jiddische Grammatik und Wörter – deutsche Eltern und viele bunte Kinder

Die Sprachgrammatik des Jiddischen erinnert an das Deutsche, mit einer flexibleren Wortstellung. Die Wörter stammen jedoch aus dem Deutschen, Hebräischen, Aramäischen, Polnischen, Ukrainischen, Russischen und sogar ein wenig aus dem Französischen. Heutzutage gibt es eine Menge englischer Wörter in der Sprache der orthodoxen Juden aus Brooklin.
Slawische und englische Wörter beschreiben meist das alltägliche Leben. Zum Beispiel „truskavkes“ (von polnisch „truskawka“) bedeutet Erdbeeren. „Skovorode“ (aus dem Ukrainischen von „skovoroda“) bedeutet Bratpfanne. Und Hebräisch und Aramäisch können sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, auf den religiösen und traditionellen Bereich beziehen. Zum Beispiel bris (Beschneidung) oder tfile (Gebet).

Manchmal treffen sich sogar mehrere Sprachen in einem Wort. Zum Beispiel „farganvenen“ – sich hineinstehlen. „Ganef“ kommt vom hebräischen „ganav“ (Dieb). Die Vorsilbe „far“ ist ähnlich wie das deutsche „vor“. Deutsch und Jiddisch entwickelten sich in dieser Zeit und wurden sich immer weniger ähnlich. So kann Jiddisch mit einigen Wörtern wie „meydl“ für deutsche Sprecher altmodisch klingen. Anders als im Deutschen kapitalisiert Jiddisch keine Substantive und die meisten Wörter werden klein geschrieben.

Das jiddische Alphabet – nicht ganz hebräisch

Jiddisch verwendet die gleichen Buchstaben wie Hebräisch und wird ebenfalls von rechts nach links geschrieben. Es hat Endbuchstaben. Allerdings gibt es ein paar Unterschiede. Hebräisch verwendet keine Vokale in der Schrift, Jiddisch schon. Die Wörter, die aus dem Hebräischen kommen, werden aber auf hebräische Art geschrieben, ohne Vokale.
Es gibt bestimmte Buchstabenkombinationen, die „ey“, „oy“, „ay“ Diphtonge und auch „tsh“ und „dzh“ Laute bedeuten.

ZeichenDeutsche
Transkription
Name
(YIVO-Transkription)
אshtumer alef
אַapasekh alef
אָokomets alef
בbbeys
בֿwveys
גggiml
דddaled
הhhey
וuvov
וּumelupm vov
זszayen
חchkhes
טttes
יjyud
יִikhirek yud
כּkkof
כ ךchkhof, langer khof
לllamed
מ םmmem, shlos mem
נ ןnnun, langer nun
סß, sssamekh
עeayin
פּppey
פֿ ףffey, langer fey
צ ץztsadek, langer tsadek
קkkuf
רrreysh
שschshin
שׂßsin
תּttof
תß, sssof

Die offizielle Rechtschreibung für die jiddische Sprache stammt vom YIVO Institut für jüdische Forschung, das früher Yiddish Scientific Institute hieß. Früher gab es auch eine sowjetische Rechtschreibung mit eigenen Regeln.

Sprache der Frauen

In der vormodernen jüdischen Gesellschaft lernten die Frauen kein Hebräisch lesen. So war Jiddisch als nichtheilige Sprache für ihre Bücher reserviert. Eines der frühesten Beispiele war die „Frauenbibel“ „Tsene rene“ – eine Adaption von Bibelgeschichten für Frauen. Das erste weltliche Buch war „Bovo bukh“ (1541) – eine ritterliche Romanze, die in einer unwahrscheinlichen Welt spielt, in der alle Könige, Königinnen und Ritter Juden sind. Diese Bücher hatten den Ruf, weiblich zu sein, aber auch Männer lasen sie. Später wurden Frauen nicht nur Leserinnen, sondern auch Schriftstellerinnen. Modernistische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts in Osteuropa wie Debora Vogel aus Lemberg oder Hana Levin aus Charkiw wählten Jiddisch als Ausdruckssprache, auch wenn sie selbst Polnisch oder Russisch sprachen.

Ist Jiddisch überhaupt eine Sprache?

Ob Jiddisch eine echte Sprache ist, war Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine wirkliche Frage. Obwohl Millionen von Juden in Osteuropa Jiddisch als Alltagssprache benutzten, betrachteten die gebildeten Eliten es als Jargon oder Gossensprache und minderwertig gegenüber Hebräisch oder nicht-jüdischen Sprachen. Der berühmte Satz „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine“ stammt von dem Jiddischisten und Linguisten Max Weinreich. Juden hatten damals weder eine Armee noch einen eigenen Staat. Aber einige politische Führer erkannten, dass es nützlich sein konnte, Jiddisch zu benutzen. Schließlich konnte man so viele Menschen erreichen kann. 1908, während der berühmten Czernowitz-Konferenz, wurde Jiddisch zur „nationalen jüdischen Sprache“ erklärt.

Als in den 1920er und 1930er Jahren zahlreiche Juden begannen, sich in Palästina niederzulassen, gab es einen regelrechten Sprachenkrieg, der darauf abzielte, Hebräisch als einzige Sprache zu etablieren. Eine Sprachpolizei verfolgte sogar Menschen, die Jiddisch oder andere Sprachen im Alltag nutzten.

Das traurigste Buch der Geschichte

Und auch später war das Schicksal des Jiddischen leider eher trauriger Natur. So kann man wohl das Konversationsbuch, „Say it in Yiddish“, geschrieben von Uriel und Beatrice Weinreich und veröffentlicht im Jahr 1958 als das traurigste Buch der Geschichte bezeichnen. Es ist voll von nützlichen Sätzen und Phrasen, angefangen wie man Essen bekommen oder eine Kinokarte kaufen kann. Es ist traurig, weil es kein jiddischsprachiges Land gibt, in dem man diese Sätze richtig verwenden könnte. Viele der Juden, die Jiddisch sprachen, sind im Holocaust umgekommen, und die, die überlebten, begannen hauptsächlich Englisch, Hebräisch oder Russisch zu sprechen. Jiddisch ist nicht tot, aber es ist eine gefährdete Sprache.

Jiddisch und jiddische Reklame
Jiddisch findet sich in vielen osteuropäischen Städten, wie hier im ukrainischen Lwiw. nur noch als blasse Erinnerung an Fassaden.

Wer spricht heute noch Jiddisch?

Bis zum heutigen Tag gibt es jedoch Jiddischsprecher. Sie sind nicht immer sichtbar, aber es gibt ultraorthodoxe Gemeinschaften, die in Israel, den USA oder Belgien leben und Jiddisch als gesprochene Sprache verwenden. Selbst in Städten wie Wien gibt es noch eine Gemeinschaft jüdischer Menschen, die Jiddisch für ihre alltägliche Kommunikation verwenden. Sie veröffentlichen Zeitungen, Bücher für Erwachsene und Kinder und sogar Spiele wie „Monopoly“ auf Jiddisch. Die Sprache hat sich verändert, seit sie unter Englisch oder Hebräisch sprechenden Menschen leben. Sie absorbierte englische und hebräische Wörter, die die Umgebung beschreiben.

Die nützlichsten jiddischen Phrasen

Da es immer noch möglich ist, dass ihr jiddisch sprechende Menschen trefft, kann es nicht schaden, einige der nützlichsten Redewendungen auf Jiddisch zu kennen. Probiert sie aus!

YiddishTransliterationDeutsch
שולם-עליכםsholem-aleichemBegrüßung (wörtlich “Friede sei mit dir”)
וואָס מאַכסטוvos machstuWie geht’s dir? (wörtlich „Was machst du?“)
ווי הייסטו?vi heystu?Wie heißt du?
איך הייס…ikh heys….Ich heiße …
לאָמיר טרינקען אַ לכיים!lomir trinken a lekhaim!Lass uns trinken!
וווּ וווינסטו?wu voynstu?Wo wohnst du?
איך וווין אין…ikh voyn in…Ich wohne in …
עס מאַכט נישגט אױסes makht nisht oysDas macht nichts.
אַ שיינעם דאַנק!a sheynem dank!Vielen Dank!
זײַ געזונט!zay gezunt!Good bye! (wörtlich „Sei gesund“)
אַבי געזונטabi gezuntBleib gesund!

Jiddisch und sein post-vernakularer Status

Jiddisch hat auch eine gewisse Berühmtheit erlangt und wird für bestimmte Dinge und in bestimmte Umgebungen verwendet, obwohl viele Menschen es gar nicht selbst sprechen. Der Begriff post-vernakular bedeutet, dass die Menschen die Sprache nicht zur Kommunikation nutzen, sondern sie stattdessen als Symbol dient. Man kann zahlreiche lustige Gegenstände finden, wie Tassen und T-Shirts mit jiddischen Witzen, Poesie auf Kühlschrankmagneten oder andere Souvenirs auf Jiddisch. Jiddisch wird meist mit lustigen Akzenten und dem exzentrischen Lebensstil der Einwanderer der ersten Generation in den USA in Verbindung gebracht.

Und auch in der Klezmer-Kultur, in Volksliedern und Aufführungen kommt Jiddisch immer noch vor. Es gibt sogar Filme, die ganz oder teilweise auf Jiddisch sind, wie die Netflix-Serie „Unorthodox“ (2020), das israelische Drama „Shtisel“ (2013) oder der weniger bekannte „Menashe“ (2017). Diese Filme zeigen uns das Leben der ultraorthodoxen Gemeinden. Eine neuerer Trend sind Instagram-Profile auf Jiddisch.

Wo ihr Jiddisch lernen könnt

Obwohl die Sprache vom Aussterben bedroht ist, kann man sie an erstaunlich vielen Orten lernen. In den letzten Jahrzehnten erlebte Jiddisch ein Revival in der akademischen Welt. Es gibt zahlreiche Programme, Sommerschulen und Sprachclubs, die ein Umfeld und eine jiddischsprachige Gemeinschaft schaffen. Beliebte Veranstaltungen wie Yiddish-vokh (Jiddische Woche) in den USA bringen Menschen zusammen, die die Sprache nutzen und gleichgesinnte Freunde finden wollen.

Nützliche Ressourcen zum Lernen von Jiddisch, auch online

Auch für die unter euch, die die Sprachen lernen wollen, gibt es viele nützliche Onlineressourcen, wo ihr Jiddisch lernen könnt. Viele davon sind sogar kostenlos.

Bücher über die jiddische Sprache

Die jüdische Kultur ist reichhaltig und auch zur jiddischen Sprache gibt es glücklicherweise eine ganze Menge Bücher. Hier stellen wir euch eine Auswahl vor.

Leo Rostens Kleine Enzyklopädie des Jiddischen ist ein wahrer Schatz, der nicht nur eine Übersicht über die Sprache gibt, sondern auch ihren kulturellen Hintergrund erklärt.

Ein umfangreiches Wörterbuch für das Jiddische gibt es aus dem Duden-Verlag direkt mit Grammatik. Hier könnt ihr euch überraschen lassen, wie viele „deutsche“ Wörter aus dem Jiddischen stammen.

Lesen und schreiben könnt ihr euch mit diesem Arbeitsbuch selbst. Es gibt einfache Übersichten und kleine Texte.

Dieses umfangreiche Buch ist ein ausführlicher Kurs für die jiddische Sprache, der auf den Empfehlungen des YIVO-Institutes beruht.

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Vladyslava Moskalets ist Historikerin und Dozentin an der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv, Ukraine. Sie spricht Jiddisch und hat ein großes Herz für die Sprache und die jüdische Kultur.

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