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Nachitschewan

Nachitschewan – Zu Besuch in der kaukasischen Schweiz

Inhaltsverzeichnis

Willkommen im Paradies! Die an den Iran, Armenien und die Türkei grenzende Exklave Nachitschewan (aserbaidschanisch Naxçıvan geschrieben) im Südwesten Aserbaidschans ist ein Eldorado für Ethno-Fans und echter Geheimtipp. Die atemberaubend schöne Landschaft verfügt über bis zu 4000 Meter hohe Berge, kristallklare Seen, sandige Wüsten und unberührte Steppen. Die autonome Republik ist ein nahezu unbekanntes Fleckchen Erde.

Zu sehen gibt es in dem Gebiet zwischen dem in der Ferne thronenden Berg Ararat im Nachbarland Türkei im Norden, dem 16 Hektar großen Batabat-See im Nordosten, der Hauptstadt Naxçıvan City und dem Araz-Staudamm im Südwesten und der Oasenstadt Ordubad im Südosten unter anderem den „Machu Picchu“ (Alinja-Festung) von Eurasien, das Grab von Noah und die älteste Salzmine der Welt. Daher wollen wir euch Nachitschewan hier einmal genauer vorzustellen.

Die kosmische Exklave

Der sowjetische Kosmonaut Alexei Leonow schwärmte nach seiner Rückkehr aus dem All 1963 davon, dass die Erdoberfläche von oben rosafarben schimmern würde. Diesen Farbton habe er „auf der Erde nur einmal je wiedergesehen, das war in Naxçıvan“, sagte er in einem Interview.

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Blick auf den Khanspalast von Nachitschewan Stadt

Wo Noah anlegte und sich Perser und Araber um einen Handelsposten stritten

Der Legende nach bedeutet Nachitschewan „Ort der Landung“. Gemeint ist die Landung Noahs, der mit seiner Arche den Gipfel des İlandağ-Berges gestreift und geteilt haben und dann hier an Land gegangen sein soll. Einige Archäologen datieren die Ursprünge der Republik auf das Jahr 1500 v. Chr. Im 7. Jahrhundert lösten die Araber die Perser des Sassanidenreiches ab, verloren das Gebiet aber im 17. Jahrhundert wieder an Persien. Bis 1828 war Naxçıvan City die als Handels- und Handwerkszentrum bekannte Hauptstadt des Khanats Naxçıvan, um dessen Herrschaft jedoch weiterhin Armenier, Mongolen und Türken rangen.

Die lange russische Herrschaft

Im Friedensabkommen von Turkmentschai trat Persien das Gebiet schließlich an Russland ab. Naxçıvan wurde 1924 eine autonome Republik innerhalb der Sowjetunion, das heutige Gebiet zwischen Naxçıvan und Aserbaidschan wurde Armenien zugeteilt. Auf diese Weise wurde aus dem faszinierenden Landstrich um den 2420 Meter hohen Berg İlandağ eine Exklave.

Unabhängig und plötzlich vom Mutterland abgeschnitten

Der erste Präsident des unabhängigen Aserbaidschan Heydər Əliyev kam gebürtig aus Naxçıvan und kehrte 1990 nach seiner Karriere in Moskau zunächst dorthin zurück, bevor er von dort weiter nach Baku umzog. Seit 1991 gehört die Exklave zu Aserbaidschan, hat jedoch eine eigene Verfassung und ein eigenes Parlament. Im selben Jahr kappte Armenien die Bahngleise zwischen Baku und Naxçıvan City, was zu einer weiteren Isolierung der fortan nur noch mit dem Flugzeug von Baku erreichbaren Exklave führte.

Friedensvertrag als Hoffnungsschimmer

Gerade wird die Zugstrecke im Rahmen des Friedensvertrags zwischen Armenien und Aserbaidschan nach dem erneuten Aufflammen des Bergkarabach-Konfliktes im Jahr 2020 wieder aktiviert, sodass ihr in Zukunft wieder entlang des Aras-Flusses an der Grenze zum Iran direkt von Baku aus dorthin fahren könnt.

Nachitschewan – Eine Oase der Nachhaltigkeit

Die isolierte Lage hat Naxçıvan City mit fast 400.000 Einwohnern zu einer eigenwilligen Selbstbehauptung getrieben, auch wenn der wenig bekannte Landstrich noch immer aus Baku finanzielle Unterstützung erfährt und mit der Türkei und dem Iran regen Handel treibt. Der chinesische Autobauer Lifan Industry unterhält hier eine Fabrik. Die Landwirtschaft ist der Haupterwerbszweig. Wenn die zumeist trockenen Ebenen bewässert werden, gedeihen auf den Böden Getreide, Tabak, Walnussbäume, Maulbeeren für Seidenspinner und alle Arten von Früchten. Eigene Mineralquellen hat die Exklave auch. Auf Düngemittel wird verzichtet, hier ist alles bio.

Der mystische Landstrich setzt außerdem auf Selbstversorgung und Nachhaltigkeit und wurde in dem Zusammenhang von Lonely Planet als „the world’s most sustainable nation“ gekürt. Seiden- und Baumwollproduktion sowie Erzvorkommen und Schafswolle für die Teppichindustrie sind weitere Einnahmequellen. Seit einigen Jahren ist die Exklave an EU-Projekten etwa zu erneuerbaren Energien, Umweltschutz und Wassermanagement beteiligt.

Die Sehenswürdigkeiten – Das sind die schönsten Orte in Nachitschewan

Naxçıvan City – Die Islamische Kulturhauptstadt

Naxçıvan City war 2018 Islamische Kulturhauptstadt. Die Stadt hat eine Vielzahl bedeutender kultureller Hinterlassenschaften zu bieten. Die mittelalterliche Architekturschule Naxçıvans war im ganzen Orient berühmt. Denkmäler, Mausoleen und Museen machen die Hauptstadt, in der Noahs Arche gelandet sein soll, zu einem interessanten Ausgangspunkt einer Reise. Das Grab Noahs, das Möminə-Xatun-Mausoleum und der Khan-Palast sind unbedingt sehenswert. Die Temperaturen in Naxçıvan variieren je nach Jahreszeit. Im Winter kann es bis minus 30 Grad kalt sein, im Sommer bis zu 35 Grad warm. Am schönsten sind die Monate April und Mai. Auch der Herbst ist eine ideale Reisezeit.

Nachitschewan
Das Möminə-Xatun-Mausoleum in Naxçıvan City (Bild: Azerbaijan Tourism Board)

Möminə Xatun

Eines der Highlights in der unwahrscheinlich sauberen und sehr gepflegten Hauptstadt der an Denkmälern reichen Exklave ist der 34 Meter hohe, zehneckige, zu Ehren einer Frau namens Möminə Xatun errichtete Ziegelsteinturm aus dem Jahr 1186, der mit ungewöhnlichen geometrischen Mustern, türkisfarbenen Kacheln und einer Kufi-Inschrift verziert wurde. Der Begründer der Atabey-Dynastie, Shamsaddin Eldaniz, hatte das Bauwerk bei dem namhaften Architekten Ajemi Nakhchivani zu Ehren seiner verstorbenen erste Frau in Auftrag gegeben und später von seinem Sohn vollenden lassen. Im Gegensatz zu den typischen Baumaterialien der Abşeron-Halbinsel (Sandstein) wurden in Naxçıvan häufig Ziegelsteine und türkisfarbene Kacheln verwendet.

Bild: Azerbaijan Tourism Board

Der Khans-Palast

Von hier aus lohnt ein Spaziergang bis zum alten Khan-Palast, in dem historische Fotos Aufschluss über die Geschichte dieses restaurierten Juwels geben. Das im Palast untergebrachte Teppichmuseum liefert Einblicke in die lokale Knüpf- und Webkunst.

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Noahs Grab in der Sassanidenfestung (Bild: Azerbaijan Tourism Board)

Noahs Grab

Noahs Grab in Form eines achteckigen Turms mit einer polygonalen Goldkuppel ist Teil der Sassanidenfestung. Das Bauwerk wurde 2008 saniert, wobei die erhaltenen Fundamente integriert wurden. Die nur einen Katzensprung entfernte, riesige Heydar-Aliyev-Moschee wurde erst kürzlich erbaut. Die Festung aus dem 7. Jahrhundert war bis 2006 in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Seit der Restaurierung ist sie wieder für Besucher zugänglich.

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Blick auf den İlandağ mit dem Batabat-See (Bild: Azerbaijan Tourism Board)

Tipp: Eine Übernachtung im 13-geschossigen Hotel Tabriz (Tel. +994 365447701) beinhaltet ein herrliches Frühstück im einzigen Panorama-Restaurant der Stadt.

Bild: Azerbaijan Tourism Board

Alinja-Festung

Die im 12. Jahrhundert erbaute Festung 34 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt hielt Ende des 14. Jahrhundert einer vierzehnjährigen Belagerung durch den Mongolenführer Tamerlan stand und ist auch heute noch beeindruckend solide. Das am Fuße der Festung gelegene Museum könnt ihr besichtigen, aber es ist vor allem das Panorama von oben, das diesen Trip unvergesslich macht.

Wenn euch 1500 Stufen nicht abschrecken, dann erreicht ihr das Plateau mit dem „Machu Picchu Eurasiens“, einer Ausgrabungsstätte, die erst kürzlich restauriert bzw. wieder aufgebaut wurde. Von dort habt ihr den besten Ausblick auf den Berg İlandağ, den Noah laut einer Legende mit seiner Arche streifte. Nach dem Besuch der Festung könnt ihr euch in den nahe gelegenen Ashab-i Kahf-Höhlen, die schon im Koran erwähnt wurden und heute viele Pilger anziehen, abkühlen.

Cehan-Kudi-Xatun-Mausoleum

Das zweiwichtigste Mausoleum der Exklave Nachitschewan befindet sich in einem kleinen Dorf namens Qarabağlar, 40 Kilometer nordwestlich von Naxçıvan City entfernt und besticht durch seine in blaue Kacheln gehüllte zylindrische Form aus zwölf umeinander gruppierten Halbzylindern mit Gesims und konischem Dachabschluss. Ein paar Meter weiter findet ihr ein Tor mit Doppelminarett. Das kultische Zentrum wurde im 14. Jahrhundert erbaut und im Jahr 2018 aufwendig saniert. Von den einst 70 Moscheen der alten Handelsstadt ist jedoch keine erhalten geblieben.

Prachtvolle Fassade in Ordubad (Foto: Svln4821, Quelle: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Ordubad

Der malerischste Ort in der Republik ist umgeben von Wüste und zählt nur 10.000 Einwohner. Ihr erreicht diese mit Aprikosen, Pfirsichen, Limonen, Feigen und Birnen gesegnete Oase am gleichnamigen Fluss, deren Erzeugnisse für den Export getrocknet werden, mit einem Minibus in ca. 90 Minuten. Drei Moscheen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind erhalten geblieben. Sehenswert ist das Observatorium, das dem persischen Theologen, Mathematiker und Astronomen Nasraddin Tusi gewidmet ist.

Wichtige Station auf der Seidenstraße

Von Ordubad aus wurde ab Mitte des 16. Jahrhunderts die hier produzierte Seide über die Seidenstraße nach Venedig, Marseille und Amsterdam verbracht. In den 1930er Jahren existierten in Ordubad fast 500 Obstgärten und 50 Weinanbaugebiete. Die ehemalige, mittelalterliche Handelsstadt steht nicht zuletzt wegen der architektonisch besonderen „Harpischta-Häuser“ seit 2001 auf der Tentativliste der UNESCO. Dabei handelt es sich um Wohnhäuser mit halbrunden Erkern mit acht oder sechs Spitzbögen im Erdgeschoss, die in einen Innenhof münden. Die Juma-Moschee aus dem 17. Jahrhundert sieht eher wie ein Palast aus. Im National Park Zangazur sind Petroglyphen und Nekropolen zu besichtigen. Der schönste Platz ist aber das lauschige Teehaus im Zentrum, umgeben von duftenden Platanen.

Wellness mal anders: Zu Besuch in der Salzmine (Bild: Azerbaijan Tourism Board)

Duzdağ-Salzmine und Hotel

10 Kilometer von Naxçıvan City entfernt liegt die älteste Salzmine der Welt, die zu Besichtigungszecken mit Disco-Beleuchtung und einem hölzernen Teehaus ausgestattet wurde. Ihr könnt bis zu 300 Meter tief in die Salzmine, die fast 130 Millionen Tonnen Natursalz speichert, wandern. In kleinen Nischen mit gemütlichen Liegen könnt ihr verweilen und die gesunde Luft einatmen. Einen Kilometer entfernt liegen das Salzmuseum und das schicke Duzdağ-Resort* mit Poollandschaft, Wasserrutschen und Spa.

Die Felszeichnungen von Gemiqaya

Auch wenn ihr schon genauer hinsehen müsst, um die Felszeichnungen zu entschlüsseln, für Liebhaber dieser historischen Zeugnisse lohnt die Reise an die armenische Grenze. Die Petroglyphen sollen sechstausend Jahre alt sein und haben vermeintlich Ähnlichkeit mit den Domkhar-Inschriften in Ladakh. Da ihr eine Genehmigung für die Besichtigung benötigt, ist es einfacher, gleich einen Ausflug über Nakhchivan Travel zu buchen.

Buchtipps

Klassischer Reiseführer zu Aserbaidschan aus dem renommierten Trescher-Verlag, der neben allerlei Hintergrundinfos zum Land auf praktische Tipps und Hintergrundinformationen enthält.

Sehr persönlicher Reisebericht, der Aserbaidschan aus der Sicht einer Deutschen vorstellt und von der Presse hochgelobt wurde.

Ihr plant eine Reise in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, eine der schönsten Aserbaidschan Sehenswürdigkeiten? Dann ist der CityTrip Baku ein idealer Begleiter für eure Reise. Hier werden die schönsten Sehenswürdigkeiten und Spaziergänge durch die Stadt beschrieben, ihr bekommt Tipps, wo ihr am besten essen und schlafen könnt und erfahrt in vielen Hintergrundartikeln spannende Details zum Leben der Menschen in Baku.

Der Klassiker der aserbaidschanischen Literatur, der eine Liebesgeschichte am Vorabend der Russischen Revolution erzählt und ein beeindruckendes Nachwort von Nino Haratischwili enthält.

Englischsprachiges Länderporträt über Aserbaidschan, das das Land in all seinen Facetten vorstellt.

Baku ist vor allem auch ein lohnendes Reiseziel, wenn ihr euch für Architektur begeistern könnt. In ihrem Architekturführer Baku habe ich die schönsten Gebäude der Stadt vorgestellt. Beeindruckende Bilder bringen euch diese ganz nah und bereichern euren Urlaub!

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Heike Maria Johenning ist studierte Übersetzerin und Romanistin. Seit 1996 arbeitet sie als freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Sie hat zahlreiche Reise- und Architekturführer veröffentlich, die bei Reise Know-How und dom Publishers erschienen sind. In ihren Büchern beleuchtet sie ein im Westen nahezu unbekanntes Phänomen, den Jugendstil in Osteuropa. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Titel zur „Jugendstil-Architektur in Berlin“.

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